Schreiben und Lesen...

        

... das gehört zusammen wie gutes Training und ein schneller Wettkampf. Es muss aber nicht immer mit Laufen zu tun haben. Hier bekommt ihr jeweils eine Story angeboten, die sich ums Laufen dreht, oder auch nicht.



 


Tour de Pauvre.


Irgendwann ist Fahrrad fahren zu einer meiner Leidenschaften geworden. Es war in einem Jahr, in dem ich, verletzungsbedingt, nicht laufen konnte. So schnappte ich mir mein wenig gebrauchtes Rennrad und legte los. Ziemlich schnell kam dann ein Mountainbike dazu. Wenig später lernte ich im Nachbarort einen Fahrradverrückten Typen kennen, mit dem ich fast jeden Tag durch den Wald brauste oder die kleinen Straßen der Umgebung unsicher machte. Später folgten Alpenüberquerungen mit dem Rad oder Straßenrennen über mehr als 200 Kilometer Streckenlänge. Seitdem möchte ich meine Räder nicht missen.


Heute stehen 9 Fahrräder in unserem Stall. Jedes davon will bewegt werden. Da muss man am Ball bleiben. Ab und an verschenke ich ein Rad, damit Platz für einen neuen „Drahtesel“ geschaffen wird. Es ist schon ein bisschen irre, aber es macht mir einen Riesenspaß.


So viel zu meinem Verhältnis zum Rad fahren.  Im letzten Monat kam das alles viel zu kurz. Seit ich in die Pension geschickt wurde, fahre ich nicht mehr täglich mit dem Rad. Davor war jeder Arbeitstag ein Radfahr-Tag. Egal ob wir 10 Grad minus oder 30 Grad Plus hatten. Egal ob es aus Eimern schüttete, ein Orkantief uns besuchte, oder Eisregen das Fahren unmöglich machte (allerdings nicht für mich, denn natürlich besaß ich ein Rad mit Spikes), ich saß täglich auf dem Sattel.


Jetzt, wo ich mich ein wenig in der Pensionärs-Hängematte breit und bequem gemacht habe, lasse ich das Rad schon mal stehen, wenn es regnet. Man wird halt alt. Da das Wetter in den letzten Wochen miserabel war und mich zudem eine Operation kurzzeitig aus dem Rennen genommen hat, kamen die Räder zu kurz. Aber gestern, da war es dann endlich wieder so weit. Die Sonne schien, ich fühlte mich fit genug, die erste Radfahrt nach der OP zu testen, und los ging es. Allerdings schön langsam. Nicht wie früher, wo als Radausfahrt nur galt, wenn am Ende ein Schnitt von über 30 km/h auf dem Tacho stand.



Heute werde ich mit dem Gravelbike gerade einmal einen 22er Schnitt auf den Tacho zaubern. Mit großartig schwitzen ist da auch nichts. Aber Spaß, den hatte ich trotzdem.


Ich war zunächst knapp 10 Kilometer, zum größten Teil bergauf, gefahren. Dann drehte ich um und fuhr nach Hause zurück. Die Sonne schien mir ins Gesicht. Ich verspürte weder Schmerzen noch Anstrengung. Was will man mehr? Dann sah ich links, auf einer Nebenstraße, einen jungen dynamischen E-Bike Fahrer vor mir auf die Strecke einbiegen. Ich weiß, was ich jetzt schreibe, wird nicht jedem gefallen. Ich kann mich für E-Bikes und deren Nutzer nur erwärmen, wenn der Nutzer nicht anders kann. Will heißen: Alter, Gebrechlichkeit oder Handicaps ermöglichen kein „normales“ Fahrrad fahren. Statt normal könnte ich auch „Bio-Bike“ sagen. Aber den Ausdruck hasse ich noch mehr als den Ausdruck „E-Bike.“


Woher kommt meine Abneigung? Ich versuche es zu erklären. Ich liebe es, die Kraft meines Körpers, egal wie stark oder schwach sie auch sein mag, einzusetzen. Ich bin ein Bewegungsjunkie. Dass ein Auto, ein Motorrad oder ein Flugzeug mir die Arbeit abnimmt, um weite Wege schnell zu absolvieren; okay, das geht manchmal nicht anders. Aber am liebsten komme ich auf allem von A nach B, was ich selbst mit meiner Kraft vorantreibe. Am liebsten laufe ich.


Bei vielen E-Bikern habe ich festgestellt, dass sie in erster Linie eins sind: Bequem. Sie sagen zwar immer, dass sie die Unterstützung für die erreichbaren 25 km/h gar nicht, oder nur ganz selten einschalten, aber das stimmt nicht. Ich erlebe sie ja immer wieder. Wenn sie mich mit 25 km/h bergauf lächelnd überholen und anschließend, auf gerader Strecke, ebenfalls bei 25 km/h, wieder von mir überholt werden, ohne zu lächeln. Damit komme ich nur schwer klar.


Heute ist also mein Glücksfall. Ich sehe den E-Bike Fahrer wie er, mit von mir genau geschätzten 25 km/h, eine Steigung hinaufkommt und dann auf „meine“ Strecke einbiegt. Da ist er nun ca. 200 Meter vor mir und begeht dann den alles entscheidenden Kapitalfehler: Er dreht sich um. O, denke ich. Er will ein Rennen. Aber er ist nicht wirklich schnell. OP hin oder her, ich beschleunige mein Rad auf 30 km/h. Da es etwas bergab geht, ist das nicht schwierig. Langsam komme ich näher. Und je näher ich komme, desto öfter dreht sich der Jungspund um. Brillant! Ich will heute nur locker ausfahren, ich habe keinerlei Ambitionen ihn zu überholen. Heute will der Thomas nur spielen.


Ich nähere mich auf ungefähr 20 Meter und vor mir wird jetzt hektisch in die Pedale getreten. So richtig schnell sind wir immer noch nicht. Ich lasse mich jetzt rollen und meinen Vordermann auf etwa 50 Meter Abstand „davonkommen.“ Als der Junge sich wieder umdreht, scheint er zu lächeln. Schön.


Dann kommt eine kleine Ortschaft. Da kann man hindurchfahren, oder aber auf der viel befahrenen Bundesstraße drumherum. Die Strecke auf der Bundesstraße ist wesentlich kürzer, aber auch gefährlicher. Meinem Vorausfahrer scheint das egal. Er zieht vom Radweg auf die Bundesstraße und beginnt wieder hektisch zu pedalieren. Ich nehme den Ort. Bei dem, was ich bis jetzt gesehen habe, ist das kein echter Gegner, selbst für einen limitierten Fahrer wie mich. Als ich den Ort verlasse und den Radweg an der Bundesstraße erreiche, ist der Junge ungefähr 300 Meter vor mir. Bis zu meiner Abfahrt sind es noch knapp zwei Kilometer. Also trete ich jetzt noch einmal an. Bei leichtem Gefälle, Gegenwind, und knapp 40 km/h dauert es nicht lange und ich bin direkt am Hinterrad meines Vorausfahrers. Der hatte sich derart in Sicherheit gefühlt, dass er sich gar nicht mehr umgedreht hat. Jetzt tut er es doch. So, ganz genau so, sieht aufkommende Panik aus. Ich will noch immer nicht vorbeifahren, aber mein junger „Gegner“ will weg. Er beugt den Oberkörper nach vorn, macht sich flach und tritt, was das Zeug hält. Ich schaue mir das an und schmunzele während ich links abbiege.


Ich sage es immer wieder: Jeder Lauf und auch jede Radausfahrt sind kleine Reisen, die man genießen muss. Es braucht nicht die Alpenüberquerung oder den New York Marathon, um Spaß zu haben. Das geht auch hier auf dem Land. Ich hatte heute jede Menge davon. Und noch während ich fahre, denke ich an die Tour de France und all die anderen Profi-Radrennen. Da passiert genau das, was ich heute erlebt habe. Einer reißt aus, ein anderer verfolgt ihn. Daraus entsteht die Spannung. Die Platzierung ist alles. Wie schnell gefahren wird ist zweitrangig. Sollte also in dem leider so verseuchten Radsport niemand Dopingmittel nehmen und alle würden ein paar km/h langsamer fahren, täte das der Spannung keinerlei Abbruch. Schade nur, dass dafür alle mitmachen müsste. Genau das wird niemals passieren.


Ich hatte heute jedenfalls mein kleines „Rennen.“ Der vor mir fahrende, elektrisierte Jüngling hatte es auch. Er war der Sieger. Logisch. Schließlich habe ich ihn nicht eingeholt. Ich hoffe, er hat sich über seine Leistung, ob fremdunterstützt oder auch nicht, genauso gefreut, wie ich über meinen zweiten Platz. Der kann manchmal noch schöner als der Sieg sein…


Thomas Knackstedt