Schreiben und Lesen...

        

... das gehört zusammen wie gutes Training und ein schneller Wettkampf. Es muss aber nicht immer mit Laufen zu tun haben. Hier bekommt ihr jeweils eine Story angeboten, die sich ums Laufen dreht, oder auch nicht.




Ich habe Sehnsucht...


Es ist nicht wie in dem Purple Schulz Song von damals. Meine Sehnsucht hat nichts mit Verlustängsten, Trauer, Angst oder Depression zu tun. Im Gegenteil. Es gibt Orte auf dieser Welt, die machen, dass ich mich wohl fühle. Irgendwie. Ich kann es nicht erklären. Vor allem kann ich nicht erklären, was diese positive Sehnsucht in mir auslöst, denn diese Orte sind „meine“ Sehnsuchtsorte. Niemand sonst wünscht sich dorthin.

 

Frage die meisten Menschen, wohin sie gern möchten. Ich wette mit Dir, dass Du Antworten wie „Hawaii, Seychellen, Malediven, Australien, Kalifornien, Bahamas, Südsee“ Dutzendweise erhalten wirst. Die meisten Menschen wollen dahin, wohin alle wollen. Wir sind in dieser Beziehung nicht mehr als verschissene, kleine Lemminge. Sonne, Strand, Meer, Palmen; reicht! Wieso? Weshalb? Warum? Keine Ahnung. Ist auch egal. Wenn alle dahin wollen, will ich das auch. Aber mal ehrlich: Keiner dieser Orte interessiert mich. Kann sein, dass er das tun würde, wenn ich schon mal dort gewesen wäre. War ich aber nicht.

 

Mein allererster Sehnsuchtsort ist mein Zuhause. Nirgendwo auf der Welt fühle ich mich wohler als dort. Irgendwann gesellte sich Helgoland dazu. Ich war als Sechsjähriger das erste Mal auf der Insel und dann immer wieder einmal. Meistens im Winter, wenn „tote Hose“ war und niemand sonst sich dort aufhielt. Helgoländer stricken in dieser Zeit Pudelmützen oder machen Kinder. Ich lief mit der Liebe meines Lebens wie ein Idiot über Felsen, auf denen man sich auf Grund des stürmischen Winds kaum halten konnte oder ließ mir den Regen mit Schallgeschwindigkeit direkt ins Gesicht knallen. Ich kann mich an einen Lauf auf der Insel erinnern, wo mich ein kalter Wintertag innerhalb weniger Minuten bewegungsunfähig machte und ich mich wie ein Eisklotz fühlte, den nichts und niemand jemals wieder auftauen würde. Aber es gab auch Momente, wo mich ein einzelner Sonnenstrahl auf einer windstillen Klippe erwischte und direkt ins Paradies beförderte. Ich habe all diese Erlebnisse genossen ohne, dass ich mich dagegen wehren konnte. Ein schönes Gefühl.

 

In Polen passierte mir etwas Ähnliches. Grodzisk macht von der Stadt nicht viel her(Entschuldigung kleine Stadt, dass ich das so sage), aber: Die Menschen dort sind einzigartig. Ich war kaum dort und fühlte mich wie zuhause. Das Menschen anderen Menschen so ein warmes, weiches Gefühl geben können ist ein Geschenk, das man nicht hoch genug bewerten kann. Ich war jedenfalls unglaublich dankbar und bin es noch immer.

 

In diesem Jahr gesellte sich ein weiterer Sehnsuchtsort zu meinen schon vorhandenen. Ein altes, kleines, für uns Menschen vom Lande allerdings noch immer ganz schön großes, Schloss. Mitten im Nirgendwo. Heute als Hotel genutzt. In der Nähe der Elbe. Drumherum ein paar Häuser und windschiefe Scheunen. Eine Hand voller Menschen, kaum Tourismus, jede Menge Landschaft und ein Schlosspark, der mein Herz in der ersten Sekunde, in dem ich ihn sah, komplett für sich eingenommen hat. Da stehen vierhundert Jahre alte Eichen neben zweihundert Jahre alten Mammutbäumen. Da ist ein kleiner Friedhof, auf dem die blaublütigen Vorfahren der letzten Jahrhunderte unter dem Gras liegen, in das sie zuvor gebissen haben. Da zieht sich eine Allee, gerade wie ein Richtscheit, über fünfhundert Meter vom Schloss bis zu einem Obelisken, der den Rand des Parks markiert. Dazu ein kleiner Weiher, eine Holzbrücke, eine Wiese. Alles mit einer Patina von Zeit überzogen, die man selten findet. Als hätte der Zeiger der Uhr an diesem Ort keinerlei Bedeutung, würde seit Jahrhunderten stillstehen und sich weigern auch nur eine Sekunde nach vorn zu springen. Ich liebe diesen Ort.

 

Im Schloss scheint die Zeit nur gedämpft und fast geräuschlos zu verstreichen. Obwohl die Möbel alt, die Teppiche dick und die Decken mit Stuck verziert sind, scheint nichts aus der Zeit zu sein. Alles wirkt, als wären seine Durchlaucht plus Gefolge noch immer nebenan, um die nächste Jagd vorzubereiten. Im prunkvollen Speisesaal spielt Musik von Telemann und an den Wänden hängen keine Fotos, sondern Gemälde. Egal ob ich dort oder in der Bibliothek oder in meinem riesigen Zimmer hocke, ich fühle ich mich warm und weich ummantelt von einem Gespinst aus Geschichte und Langsamkeit. Das fühlt sich warm und behaglich an und ist nur schwer zu beschreiben.

 

Wenn ich durch den Park schlendere, fühle ich mich als Teil der Natur. Ich bin kein Fremdkörper, sondern gehöre genau jetzt, in diesem Moment, hierher. Von dem nahen Weiher dringen die Rufe der Gänse zu mir herüber und kurze Zeit später fliegt ein Trupp Kraniche über den Park. Ihre wilden Schreie lassen unseren Hund Arkadi aufblicken. Er scheint sich dem Flug der gefiederten Schönheiten anschließen zu wollen. Ich kann ihn gut verstehen.

 

Stunden später schlendern wir am Ufer der Elbe entlang. Der breite, große Fluß schiebt sein Wasser gemächlich und mit Bedacht in Richtung Meer. Im Licht der untergehenden Sonne verwandelt sich die Wasseroberfläche in ein buntes Kaleidoskop aus Farben. Wie eine hell brennende Scheibe taucht die Sonne in den Wald am Horizont ein. Ihre Strahlen machen aus den Baumkronen feurig scheinende Zweiglabyrinthe. Ein Lastenkahn zerteilt das Farbenmeer der Wasseroberfläche und mischt gold, rot und blau in Linien und Kreisen zusammen.


 

Ich halte Ihre Hand, während der Hund direkt neben uns sitzt. Unsere Augen sind auf den Horizont gerichtet und können sich nicht satt sehen an diesem Schauspiel aus Licht und Schatten. Wir fühlen uns geborgen, angekommen, zu Hause. An einem Sehnsuchtsort…



Thomas Knackstedt



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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