Schreiben und Lesen...

        

... das gehört zusammen wie gutes Training und ein schneller Wettkampf. Es muss aber nicht immer mit Laufen zu tun haben. Hier bekommt ihr jeweils eine Story angeboten, die sich ums Laufen dreht, oder auch nicht.




Waldbaden, mal ganz anders.


Ich muss immer lachen, wenn ich Werbeanzeigen von Therapeuten und Mental-Coaches lese, in denen die Vorzüge des Waldbadens angepriesen werden. Waldbaden! Früher nannten wir das Spazieren gehen. So ändern sich die Zeiten. Heute sind Verkäufer und Firmen darauf gedrillt uns weiß zu machen, dass jede, noch so einfache, normale Tätigkeit, erlernt, gecoacht, begleitet und analysiert werden muss. Wollen sie meine Meinung dazu hören: Alles kompletter Blödsinn!


Allein dieser Begriff: Waldbaden! Da frage ich mich, welcher Städter da wohl draufgekommen ist. Aber: Heute Morgen musste ich an den Begriff denken. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes.


Wir schreiben den Juli 2024. Gestern Abend hörte ich in den Nachrichten, dass wir in den letzten 12 Monaten so viele Niederschläge in Deutschland hatten, wie nie zuvor seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Die gibt es seit 1880. Es wird wärmer. Das Oberflächenwasser der Meere verdunstet im Schnelldurchlauf und regnet auf uns nieder. So wird es weitergehen in den nächsten Jahren. Ganz sicher. Wer nicht blind durch die Gegend rennt, merkt das. Seit einer Woche regnet es immer wieder. Nicht oft, aber wenn dann richtig. Heute Morgen ist es trocken. Das Training gestern Abend war hart, also habe ich beschlossen heute Morgen einen ganz langsamen, lockeren Ausläufer über acht Kilometer zu machen. Das sollte meinen Beinen guttun. Natürlich mit Arkadi. Der beste Laufbegleiter von allen.


Wir dackeln in Schleichfahrt die Schleie hinauf. Der Himmel ist grau. Es ist kühl für den Juli und eine leichte Brise weht. Kein schlechtes Laufwetter. Noch während ich das denke, zieht urplötzlich eine dunkle Wolkenwand auf. Von einer Sekunde zur anderen beginnt es zu regnen. Egal, denke ich. Ich bin lange nicht im Regen gelaufen und mache das eigentlich ganz gern. Als sich innerhalb einer Minute der Regen in einen Wolkenbruch verwandelt, ändert sich meine Einstellung doch leicht. Ich brauche nur ungefähr 500 Meter, bis mir jeder Faden am Leib klebt. Das Wasser läuft an mir herunter in meine Schuhe. Die Socken, die Hose, das Shirt, alles ist klatschnass. Verdammt, das ging schnell. Und es hört nicht auf, wie aus Eimern zu schütten. Ein Blick nach oben zeigt mir grau, grau und grau. Für Umdrehen ist es längst zu spät. Also verhalte ich mich getreu nach einem Lieblingsmotto: „Wenn du nicht mehr aussteigen kannst, musst du voll einsteigen.“ Ich lege einen Schalter in meinem Kopf um, und beschließe ab dieser Sekunde jeden Schritt des Laufs zu genießen.


Arkadi sieht wie ein begossener Pudel aus. Aber ich weiß, dass ihm der Regen absolut nichts ausmacht. So laufen wir die Schleie hinauf, die sich mittlerweile von einem Schotterweg in ein kleines, fließendes Gewässer verwandelt hat. Auf das Wasser muss ich nicht mehr achten. Nasser als nass können weder meine Füße noch meine Klamotten werden. Der Himmel hat weiterhin alle Schleusen geöffnet. Noch zwei Kilometer, dann sind wir im Wald. Schauen wir mal, wie es da aussieht.


Eigentlich hatte mir Messer das gestern schon beim Training gesagt. Also, wie es im Wald aussieht. Aber ich habe das schon wieder vergessen. Die Forst hat die Waldwege abgezogen. Das heißt im Klartext: Es befindet sich eine wunderbare, weiche, matschige Erdschicht auf den Wegen. In Kombination mit dem Regen ist das ein Lauferlebnis, das man oft vergeblich sucht. Hundert Meter reichen und wir sehen aus wie zwei Schlamm-Catcher. Es patscht bei jedem Schritt und Arkadis Fellfarbe wechselt langsam, aber sicher von hellbraun zu schwarz. Doch verdammt, es macht Spaß!



Geht's los? Oder was?


So rutschen und schliddern wir durch den Wald. Mit Laufen hat das wenig zu tun. Es ist Waldbaden! Ganz klar. Genau für das, was wir hier gerade machen, passt der Begriff. Es ist für mich nur schwer vorstellbar, dass dieser Pampen-Lauf noch eine Steigerung oder Überraschung für uns bereithält. Aber da sollte ich mich gewaltig irren.


Als wir den Wald verlassen, stehe ich vor einer großen, ungemähten Wiese. Eigentlich ist hier das Gras kurz und ein Weg vorhanden. Eigentlich… aber nicht heute. Das Gras steht hüfthoch und der Weg ist zugewachsen. Okay, da müssen wir durch. Das Gefühl ist unbeschreiblich. Als würde man durch hüfthohes Wasser laufen, nur das der Widerstand nicht so groß ist. Gut, dass die Haut von Menschen und Hunden wasserdicht ist, sonst würden wir jetzt volllaufen wie ein Luftballon, den man unter einen Wasserhahn klemmt.


Nach einer Minute sind wir durch. Ich kenne Menschen, die würden jetzt fluchen. Ich könnte lauthals schreien vor Freude. Das war einfach nur ein unglaublich geiles Gefühl. Jetzt sind wir wieder auf einem Grasweg. Doch, als wäre der liebe Gott heute ein Lauffreund, müssen wir noch an einem verwaisten Grundstück vorbei, wo seit Monaten nicht gemäht wurde. Auch hier heißt es: Hüfthohes Waldbaden! Pitschepatschenass in Vollendung!


Die letzten Kilometer gehen an der Straße entlang. Seit dem Beginn des Regens ist eine gute halbe Stunde vergangen. Erst jetzt lässt der Regen langsam nach. Die Autos, die an uns vorbeifahren, werden uns beide für komplett bescheuert halten, wobei… der Hund kann ja nichts dafür. Aber die Typen in ihren Blechkisten haben alle keine Ahnung. Die wissen nicht, dass sich leben ganz genau so anfühlt. Jedenfalls meiner Meinung nach.


Wieder zu Haus wringe ich meine Sachen aus. Mit Arkadis Fell geht das nicht, also schrubbe ich ihn erst mit der Wurzelbürste ab und anschließend wird er von mir durchfrottiert, als wenn es kein Morgen geben würde. Er grunzt und grummelt dabei, genießt das trockene, weiche Handtuch auf dem Fell und drückt sich mit sichtlichem Vergnügen gegen meine Hände. Dann geht es erst einmal in den Keller. Die nassen Klamotten aufhängen und die Schuhe zum Trocknen auslegen. Danach den klatschnassen, kalten Körper unter die warmen Wasserstrahlen der Dusche bugsieren. Das fühlt sich auch gut an, ist aber kein Vergleich zum Waldbaden…


Thomas Knackstedt