Schreiben und Lesen...

        

... das gehört zusammen wie gutes Training und ein schneller Wettkampf. Es muss aber nicht immer mit Laufen zu tun haben. Hier bekommt ihr jeweils eine Story angeboten, die sich ums Laufen dreht, oder auch nicht.




Disco-Stampf.


Musik spielt eine große Rolle in meinem Leben. In wessen Leben nicht? In jeder Phase des Lebens begleitet sie uns und ist der mit Abstand größte Transporteur für Gefühle und Empfindungen. Über Geschmäcker lässt sich bekanntlich streiten, beim Thema Musik sowieso. Ich höre heute nicht mehr die Musik, die ich vor 40 Jahren gehört habe. Ich war immer ein Verfechter für das Hören „neuer Musik.“ Nichts war mir mehr zuwider, als wenn ältere Menschen noch immer den „gleichen Scheiß“ hörten, wie zu ihrer Jugendzeit. Das waren doch Typen, die irgendwie stehengeblieben waren. Dazu wollte ich nie gehören. Es gibt so viel gutes, neues an Musik, dass wir uns das ewige Wiederholen dieses alten Gedudels sparen können. So viel also dazu.


Nun bin auch ich nur ein Mensch. Ich muss das, je länger ich mein Dasein auf dieser großen blauen Kugel friste, immer wieder feststellen. Gestern geschah das wieder einmal. Schmerzhaft, bitter, gnadenlos, aber auch irgendwie schön.


Wir befinden uns auf einem Kurztrip an die Elbe. Uraltes Schlosshotel, Einsamkeit, verloren im Nirgendwo, Unterhaltungsfaktor Null, Ablenkungsquote nicht vorhanden. Es gibt nur wenige Menschen, die genau das suchen. Wir gehören definitiv dazu.


Die Anfahrt dauert knapp drei Stunden. Um die Verkehrsnachrichten nicht zu verpassen haben wir einen lokalen Sender eingeschaltet. Der lief bei uns früher unter dem Pseudonym „Radio Sterbehilfe.“ In letzter Zeit hat sich das verändert, aber der „neueste, heiße Scheiß“ ist da noch immer nicht zu hören. Wir düsen über die Autobahn und ich habe mein Anreise-Nickerchen auf dem Beifahrersitz beendet. Im Radio sind die Nachrichten durch und es wird Musik gespielt. Gloria Gaynors -Never Can Say Goodbye-. Die Siebziger also. Daran kann ich mich gut erinnern. Disco-Zeit.  Die Füße wippen mit, obwohl sie das eigentlich nicht sollen. Aber da kann man nichts machen. So nähern wir uns nach und nach der Stille am großen Fluss.


In der nächsten Stunde geht es dann musikalisch derart scharf, dass ich mich frage, ob das hier ein Anschlag auf mich ist. Boney M. mit -Daddy Cool-, die Bee Gees mit -Stayin Alive-, Patrick Hernandez mit -Born to be Alive- (verdammt wie habe ich dieses Lied gehasst), Donna Summers -Love to love you-, La Bionda mit -One for You- und Middle oft the Roads -Yellow Boomerang-. Ich habe all diese Songs früher nur als Begleitmusik in meinem Leben wahrgenommen. Eine Art Hintergrundrauschen, dem ich nie wirklich bewusst zuhörte. Aber, verdammt noch Mal: Ich bin textsicher. In irgendeinem Winkel meines Gehirns haben sich die Melodien und Songtexte dieser Zeit wie in Stein eingemeißelt. Verrückt.


Mittlerweile haben wir die Autobahn verlassen und fahren über schmale Landstraßen. Die Ortschaften haben teilweise noch ein rucklig-schönes Kopfsteinpflaster anzubieten. Auch hier lässt die Vergangenheit grüßen. Passt ganz gut zum Soundtrack, der im Radio läuft. Meine Gedanken fliegen über Jahrzehnte zurück. Da sitze ich wieder auf meiner 80er Starflite, liege mit der Liebe meines Lebens auf einer Matratze im Partykeller, jubele Beckenbauer und Co. Beim Gewinn der Weltmeisterschaft zu und erlebe mein letztes Schuljahr wie im Rausch und mein erstes Arbeitsjahr wie einen Albtraum.


Zu all diesen Erinnerungen und Tagträumereien läuft jetzt Tina Charles -I love to love-. Was für eine musikalische Schmonzette! Aber kann ich da mitsingen? Natürlich kann ich das! Egal, ob ich das gut finde oder nicht. Ich bin in meinem eigenen gelebten Leben gefangen, wie ein Vogel im Käfig. Nichts von dem, was ich erlebt und getan habe, lässt sich rückgängig machen. Die letzten Seiten „meines Buchs“ sind zwar noch nicht geschrieben, aber die ersten stehen unverrückbar fest.


Wir sind da. Ich liebe diesen Ort im Nirgendwo. Ich liebe das Land, die Wälder, den Fluss. Der große, alte Park hinter dem Schloss, mit seinem jahrhundertealten Baumbestand ist für mich, der nicht an einen Gott glaubt, so etwas wie eine Kirche. Jeder Schritt in dieser Umgebung macht mich ruhig. Jeder Blick auf den Weiher und die kleine Brücke, die den Weg ins Dorf weist, stimmt mich zufrieden.



Wieder auf dem Zimmer hole ich den Laptop heraus. Ich will diese Gedanken aufschreiben. Eine kleine Geschichte über die Kraft der Musik und ihre magische Fähigkeit längst vergessene Zeiten wieder auferstehen zu lassen. Während ich tippe, liegt die Liebe meines Lebens auf dem Bett und schaut aus dem Fenster. Dort stehen Eichen, Mammutbäume und Linden, die hier schon Menschen mit weiß gepuderten Perücken beim Spaziergang beobachteten. Allein dieser Gedanke macht mich demütig.


Ich bin fast fertig mit der Geschichte, als ich bemerke, dass noch etwas fehlt. Ein kleines Detail. Eine Winzigkeit, die aus einem unvollständigen Puzzle ein wunderbares Bild macht. Ich muss nur kurz überlegen, was da fehlt. Dann suche ich im Netz und drücke auf Start. John Paul Youngs -Love is in the Air- erklingt im Zimmer. Die Liebe meines Lebens tanzt über den antiken, dicken Teppich und ich schmunzele. So treffen sich Jahrzehnte von Zeit in einer einzigen, fantastischen Sekunde



Thomas Knackstedt