Schreiben und Lesen...

        

... das gehört zusammen wie gutes Training und ein schneller Wettkampf. Es muss aber nicht immer mit Laufen zu tun haben. Hier bekommt ihr jeweils eine Story angeboten, die sich ums Laufen dreht, oder auch nicht.





Die Gedanken sind frei...

 

… niemand kann sie erraten.“ So kann man das in einem alten Volkslied hören und jetzt, ganz genau in dieser Sekunde, denke ich an diesen Satz und bin froh, dass er auch Jahrhunderte später noch Bestand hat. Ansonsten würde mich jetzt die Gedankenpolizei verhaften, denn: Mir gehen gerade ein paar Verbrechen durch den Kopf.

 

Ich bin ziemlich wütend. Auch wenn man das von außen nicht sieht. Ich sitze auf einem Stuhl im Wartezimmer eines Facharztes. Übrigens dem einzigen Stuhl, der noch frei war. Es sind ungefähr 20 Patienten mit mir hier. Ich habe einen Termin. Den habe ich mir schon vor 3 Monaten geben lassen. 08:30 Uhr Morgens. Ich frage mich nur, wie es dann hier so voll sein kann. Ich lausche den Gesprächen der Wartenden und stelle fest: Die meisten von ihnen haben einen Termin um 08:30 Uhr. Sehr interessant.

 

Ich sitze hier ganz klar am kürzeren Hebel. Eine fiese Entzündung mit einer Diagnose, die nichts Gutes ahnen ließ, verschlug mich zum Facharzt. Ich war sehr krank und er machte mich, wenn auch erst im dritten Anlauf, wieder gesund. Jetzt bin ich zur Nachuntersuchung hier und verstehe die Welt nicht mehr so recht. Die anderen Wartenden sind genau so begeistert von der langen Wartezeit wie ich. Seit über einer Stunde sitze ich hier. Ich habe dabei die Angestellten beobachtet und für mich festgestellt, dass dieser Laden wesentlich schlechter organisiert ist, als das Polizeikommissariat auf dem ich arbeite. Das will schon etwas heißen. So richtig nach Plan geht hier gar nichts. Wer als nächster drankommt, hat nichts mit der Reihenfolge des Erscheinens zu tun, sondern ähnelt dem Hauptgewinn bei einer Lotterie.

 

Nachdem ich ungefähr eine Stunde lang im Wartezimmer gesessen habe, machen sich meine Gedanken selbständig. Vor zehn Minuten ist ein Patient wutentbrannt in die Anmeldung gelaufen und hat lautstark um einen neuen Termin gebeten, da er nicht ewig Zeit habe und seine kranke Frau zu Hause auf ihn angewiesen ist. Der Mann wurde von einer Angestellten derart monoton und unempathisch gebeten zu bleiben, dass ich mir dachte: Okay, das geht ihr am Arsch vorbei. Sie will einfach keinen neuen Termin ausgeben, das wäre zu viel Arbeit. Na ja, vielleicht täusche ich mich auch.

 

Auf jeden Fall sorgt der Auftritt des Mannes dafür, dass sich die Gesichter der Wartenden noch mehr verdüstern. Und ganz ehrlich: Ich habe die Schnauze auch gestrichen voll. Wenn ich nicht müsste, wäre ich nicht hier. Ich gehe davon aus, dass der Arzt weiß, in welch exponierter Situation er sich befindet. Ich will etwas von ihm; nicht er von mir.

 

Was wäre, wenn ich aufspringe und versuche, die anderen Patienten zu animieren, das Büro des Arztes zu stürmen? So ein Andreas Hofer-Auftritt hätte doch was. Ich stelle mir das vor. „Los Männer! Wir holen uns den Kerl! Wollt ihr Euch noch länger verarschen lassen? Der 08:30 Uhr-Termin für Alle? Damit darf er nicht durchkommen!“

 

Vor meinem geistigen Auge sehe ich wie die Wut in den Gesichtern langsam den Siedepunkt erreicht. Dann steht der erste auf und schreit: „Er hat Recht! Schnappen wir uns den Typen!“ Einer nach dem anderen springt auf, erregt, wütend, wild, als hätte ein Virus in Sekunden aus Menschen wilde Tiere gemacht. Dann ist auch schon der Erste an der Praxistür und tritt sie ein; obwohl sie gar nicht verschlossen ist. Verrückt.

 

Wie ginge es dann weiter? Müsste ich irgendwo ein Seil organisieren und draußen schon schauen, ob da ein passender Baum steht? Vielleicht würde es zur Not auch eine Straßenlaterne tun. Mein Kopfkino spult den Film weiter ab.

 

Die Meute stürmt die Praxisräume. Schnitt. Ein Mann hastet nach draußen, reißt den Kofferraumdeckel seines Wagens auf, packt sich ein Abschleppseil und rennt, mit einem irren Grinsen im Gesicht, in die Praxis zurück. Dort hat sich der Arzt hinter seinem Schreibtisch versteckt und winselt um Gnade: „Das dürfen sie nicht. Das können sie nicht machen.“ Seine Stimme ist kraftlos und leise. Die ersten Patienten reißen den Tisch zur Seite und zerren den Mediziner an den Beinen über den Boden. Eine Angestellte, die sich in den Weg stellt, wird mit einem Bodycheck zur Seite befördert und klatscht gegen die Wand, nicht ohne vorher einen kleinen Tisch mit medizinischen Instrumenten umzuwerfen. Es dauert nur Sekunden und wir haben das schreiende, zuckende Bündel Arzt draußen auf dem Parkplatz.

 

Meine Augen gehen an dem Arzt vorbei zurück zum Gebäude. Ich sehe, wie zwei Männer die Reservekanister ihrer Wagen in der Praxis ausschütten und Feuer legen. Sie grölen lauthals und als die Menge sieht, dass die Praxis in Flammen steht, erreicht die Stimmung den Höhepunkt. Vielleicht 5 Sekunden später höre ich den ersten Schrei: „Knüpft ihn auf!“


 

Das Seil über die Straßenlaterne zu bekommen dauert ein wenig. Aber als ein Mann sich am Laternenmast nach oben arbeitet und das Seilende über die Querstrebe hängt, ist auch das erledigt. Der Mob schreit und brüllt vor Wahnsinn. Der Arzt ist komplett verstummt. Ich sehe, dass er sich in die Hose gemacht hat. Ich hätte vermutlich schon einen Herzinfarkt erlitten. Ein dicker, älterer Typ zerrt dem Doktor das Abschleppseil über den Kopf und verknotet es am Nacken. Ein Dutzend Hände greifen nach dem anderen Seilende, um den Doc schnell und schmerzvoll in die Luft zu hieven. Das sind keine Menschen mehr; das sind Raubtiere. Und ich gehöre dazu. Aber: Er MUSS für diese Terminvergabe zahlen! Das steht fest!

 

Das Gesicht des Arztes spiegelt die absolute Fassungslosigkeit wieder. Er wird sterben, ohne zu wissen warum. Doch das interessiert hier keinen. Das Seil wird mit einem Ruck nach oben gerissen…

 

"…Herr Knackstedt? Hallo!“ Ich schrecke aus meinem Tagtraum auf. „Ja? Was?“, stammele ich. „Sie sind jetzt dran und können zum Doktor.“ Ich stehe wie in Trance auf und sehe die Gesichter der Patienten im übervollen Wartezimmer. Das sind doch die Typen, die eben den Mediziner an der Laterne aufknüpfen wollten, oder? Ihre Gesichter sind noch immer ziemlich angespannt und sie wirken verärgert. Soll ich sie jetzt aufhetzen? Wir könnten das noch hinkriegen. Aber… nein, lieber nicht. Ich bin ja jetzt auch dran, also was soll’s.

 

Ich gebe dem Doc die Hand und bin freundlich. Er entschuldigt sich, dass es so lange gedauert hat. Ich sage, dass das kein Problem ist. Meine Gedanken allerdings sagen: Du hast heute Glück gehabt. Noch ein paar Minuten und wir hätten dich gekriegt. Aber das hört natürlich niemand außer mir, denn die Gedanken sind frei und niemand kann sie erraten. Gott sei Dank…

 

  

Thomas Knackstedt

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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