Schreiben und Lesen...

        

... das gehört zusammen wie gutes Training und ein schneller Wettkampf. Es muss aber nicht immer mit Laufen zu tun haben. Hier bekommt ihr jeweils eine Story angeboten, die sich ums Laufen dreht, oder auch nicht.


 


Momente in Eis.

 

Mit jedem Jahr, jedem Monat, jedem Tag, jeder Stunde, näheren wir uns dem Tod. Das Ende ist unausweichlich, egal wie weit entfernt es uns auch scheinen mag. Am Anfang des Lebens verschwendet man keinen Gedanken an das Ende. Später schon. Je weniger Zeit uns bleibt, desto wertvoller wird sie. Das funktioniert so ähnlich wie die Marktwirtschaft.

 

Es gibt Menschen, die kapieren nie, wie wertvoll Zeit ist. Zusammen mit der Gesundheit bildet sie das Duo der extrem wichtigen Dinge im Leben. Andere haben schnell begriffen, dass Zeit eine härtere Währung als Reichtum oder Erfolg ist. Ihre Vergänglichkeit und die Unmöglichkeit sie zu konservieren, macht ihren ungeheuren Wert aus.

 

Doch was tun, wenn einem die Minuten durch die Finger rinnen wie feiner Quarzsand? Wenn man etwas nicht ändern kann, sollte man ihm mit Gelassenheit gegenübertreten. Alles andere verursacht nur Magengeschwüre und schlechte Laune. Immerhin gibt es ein paar Hilfsmittel, mit denen man zumindest die Eindrücke, Gefühle und manchmal sogar die Magie eines Momentes festhalten und bewahren kann. Bei mir sind das Bilder. Genauer gesagt: Fotos. Wenn ich das Glück hatte zur richtigen Zeit den Finger auf den Auslöser zu drücken, ist das wie ein Sechser im Lotto meiner ganz großen Gefühle.


 

Oft merke ich erst Jahre später, dass ich im entscheidenden Moment auf den Auslöser drückte. Da werden Bilder, die am Tag, als sie geschossen wurden, nur simple Schnappschüsse waren, zum Auslöser unglaublich realer Erinnerungen. Meist zeigen sie etwas, das nicht mehr da ist. Da ist zum Beispiel das Foto, als ich auf dem Schlitten den Berg hinunterjage und direkt neben mir Wolf in vollem Lauf nach dem seltsamen hölzernen Gefährt schnappt. Wenn ich heute auf das Foto schaue, weiß ich genau, wie es sich anfühlte, dass Fell meines großen, starken Freundes zu kraulen. Wie weich und warm es war. Dann spüre ich die Kraft, die in diesem muskelbepackten Körper steckte. Ein gutes Gefühl. Schließlich weiß ich auch noch, wie all diese Kraft verschwand und einer Müdigkeit Platz machte, die ein schnelles Ende suchte.

 

Es gibt Bilder von den Kindern aus all den Jahren. Wie ich sie in den Armen hielt, am Tag ihrer Geburt. Wie sie sich auf den Weg zum ersten Schultag machten oder ihre ersten Schritte in diese verdammt große Welt wagten. Bilder von Ausritten auf dem Pferd und Urlauben am Meer. Bilder, die das ausdrücken, was uns damals ausgemacht hat: Eine Familie! Die Fotos zeigen uns in einer anderen Zeit, in anderen Beziehungen zueinander. All das ist lange vorbei. Doch in meinem Kopf bekomme ich das problemlos zusammen, jedenfalls wenn ich auf die Bilder schaue.

 

Die Welt hat sich verändert, scheint sich schneller zu drehen und macht es uns schwer, ihr auf Schritt und Tritt zu folgen. So kommt es uns vor. Wenn ich meine Nase jedoch in einen alten Text stecke oder meine Augen über alte Fotos gleiten lasse, dann weiß ich, dass es nicht so ist. Im Gegenteil. Zu glauben, dass sich etwas elementar verändert hat ist mehr Schein als Sein. Im Endeffekt sind die Menschen noch immer so wie sie waren. Der Kern unseres Lebens auf dieser großen blauen Kugel mag sich mit dem schicksten modernen Schnickschnack behängen und ist doch so tief und komplett gleich wie vor Tausend Jahren. Die Verhältnisse mögen sich geändert haben, wir nicht.

 

Wenn ich die alten Alben durchblättere bleibe ich am längsten an den Bildern hängen, auf denen Sie zu sehen ist. Die Liebe meines Lebens hat den Weg über die Jahre und Jahrzehnte an meiner Seite verbracht. Nicht unbedingt ein einfacher Platz. Mag sein, dass der Lack bei uns schon ab ist, aber wenn ich ihr Lachen auf einem Bild sehe, das vor 35 Jahren angefertigt wurde, dann weiß ich, dass es sich mit keinem einzigen Pixel von der Gegenwart unterscheidet. In solchen Momenten macht sich Dankbarkeit in mir breit; sehr breit. Wenn ich uns zusammen sehe, erscheinen wir glücklich. Es tut gut, das zu erkennen.

 

Ich hänge ungern alten Zeiten nach. Doch sie gehören zu mir. Ohne sie wäre ich nicht das, was ich bin. Es sind diese Momente, die ich mit der Kamera eingefroren habe, die mich ausmachen. Momente in Eis. Tiefgefroren und doch so warm wie eine wunderbare Sommerbrise.



Thomas Knackstedt



 

 

 

 

 

 

 

 

 

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