Schreiben und Lesen...

        

... das gehört zusammen wie gutes Training und ein schneller Wettkampf. Es muss aber nicht immer mit Laufen zu tun haben. Hier bekommt ihr jeweils eine Story angeboten, die sich ums Laufen dreht, oder auch nicht.




 

Die Gelegenheit

 

Für Ende April haben wir einen warmen, sonnigen Frühlingstag erwischt. Tobi und ich haben auf dem Balkon gearbeitet, um das alte Dach abzubauen. Jetzt sitzen wir im Garten und trinken noch einen Kaffee. Anna und Kathrin sind auch da. Die Kinder spielen auf dem Rasen. Lotta und Jale probieren sich im Handstand. Die zwei Jahre jüngere Ella sitzt auf der Decke daneben und schaut interessiert zu.

 

Ella ist nicht so der Sporttyp. Das Mädchen erinnert mich in Sachen Sturheit und eigenem Willen stark an ihre Mutter. Anna zu erziehen war ungefähr so, als würde man einem Ziegenbock das Einmaleins beibringen wollen. Sie hatte ihren eigenen Kopf und hat ihn immer noch. Ella ist in dieser Hinsicht kein sprichwörtlicher Ziegenbock, sondern ein störrischer Esel. Was sie nicht will, macht sie nicht. Das Kind hat einen Dickschädel, den ich so noch nie erlebt habe. Ich muss immer wieder feststellen, dass ich sie ganz genau dafür liebe, auch wenn sie es einem niemals leicht macht. Lotta ist dagegen ein Springinsfeld der Extraklasse. Das Mädchen scheint immer frisch aufgeladen von der Steckdose zu kommen.

 

Lotta und Jale, ihre Schulfreundin, schlagen Räder und versuchen immer wieder zumindest einen sekundenlangen Stand auf ihren Händen hinzubekommen. Zumeist endet das mit lustigen Bruchlandungen auf dem Rasen. Anna, die in Sachen Handstand perfekt ist, stellt den Mädchen ein Tablett mit geschnittenen Melonenscheiben auf den Boden. Bei diesem Wetter genau das richtige Futter.

 

Die beiden Großen schauen zum Tablett, sind aber noch zu sehr beschäftigt, um ihren Hunger zu stillen. Ella rückt nah an die Melonen heran und schaut den Mädels beim Handstand üben zu. Ohne auf das Tablett zu schauen schiebt sie ihre Hand hinüber und angelt sich zwei Melonenscheiben. Wenn Ella Hunger  hat, nimmt sie niemals nur eine Sache, die man essen kann in die Hand. Die zwei Melonenscheiben verschwinden schneller in Ellas Bauch, als Lotta und Jale benötigen, um einen einzigen Handstand zu üben.

 

„Ihr könnt ruhig erst einmal etwas essen“, ruft Anna Jale und Lotta zu. Die rufen beide „Ja gleich“ und spielen weiter. Ellas Gesichtsausdruck zeigt mir klar und deutlich, dass sie genau zugehört hat, was die Mama da gesagt hat. Sie schaut zu ihrer Schwester und Jale hinüber und danach auf das Tablett mit Melonenscheiben. Ich kann in ihren Augen lesen, was sie denkt. Nämlich: „So lange die Beiden da spielen, essen sie nichts. Wenn sie etwas essen, ist für mich nicht mehr so viel da.“

 

Ella ist eine Einmeterzwanzig-Fressmaschine. War sie schon immer. Nicht Einmeterzwanzig, aber eine Fressmaschine. Anna hat ihre Aufforderung kaum ausgesprochen, als Ella die nächsten beiden Melonenscheiben verdrückt. Schon während die zweite Scheibe in ihrem Mund verschwindet, holt sie mit der freien Hand zwei neue Scheiben nach. Kathrin und ich schauen uns an. Wir schmunzeln. Wie oft haben wir unsere Ella schon im „Eichhörnchen-Modus“ beobachtet.



Mit vollen Wangen blickt Ella zu den Mädchen hinüber. Da scheinen nicht zu merken, dass ihr Melonenvorrat schwindet. Während sie aufgeregt durchs Gras purzeln, greift sich Ella die nächsten Melonenscheiben. Von ihren Mundwinkeln rinnen bereits klebrig-süße Melonensaftbäche Richtung T-Shirt. Kathrin und ich kriegen uns kaum noch ein. Wir sagen kein einziges Wort. So ein Schauspiel muss man genießen. Da labert man nicht dazwischen.

 

Anna und Tobi sprechen über die Baustelle und schenken sich Kaffee nach. Würden sie sehen, was wir sehen, sie würden ganz sicherlich ihren elterlichen Pflichten nachkommen. Aber sie sind abgelenkt. Genau wie Lotta und Jale. Hier sind momentan nur drei Menschen, die extrem fokussiert sind. Kathrin und ich haben Ella so fest im Blick, als würden wir ein dreiköpfiges Kamel beim Schachspielen beobachten. Ella selbst hat die restlichen Melonenscheiben mit ihrem Blick festgenagelt und sie in Gedanken schon in ihren Mund geschoben. Keine davon hat eine Chance, in einem anderen Magen zu landen. Es dauert tatsächlich nur noch zwei Minuten bis Ella, man muss es einfach so sagen, die gesamte Melone aufgefressen hat. Ihr Bauch ist so rund wie ein Medizinball und ihre Augen vermitteln das Gefühl von Glücksseligkeit.

 

Die beiden großen Mädchen sind jetzt mit Handstand üben fertig. Eine Scheibe Melone wäre jetzt nicht schlecht. „Mama!“ ruft Lotta und zeigt dabei empört auf das leere Tablett. Als Anna sieht, dass Ella sämtliche Melonenscheiben weggemampft hat, kann sie es nicht fassen. Sie schaut zu Kathrin und mir hinüber. Wir tun so, als hätten wir nichts gesehen. Ich zucke mit den Schultern.

 

Ella steht auf und ehe irgendjemand etwas sagen kann, beginnt sie ihren Bauch wie ein Wellenbad schwabbeln zu lassen. Bauchtänzerinnen brauchen für diese Übung Jahre frustrierender Ausbildung. Ella hat das in ein paar Sekunden auf Tasche. Wir fangen lauthals zu lachen an.

 

Ich bin verdammt froh, dass alles erleben zu dürfen. Ich kann mich gut an meine eigene Kindheit erinnern. Ich habe sie geliebt. Ich kann mich auch an die Zeit erinnern, als ich ein Vater von zwei kleinen Kindern war. Auch diese Zeit habe ich geliebt. Jetzt bin ich ein Großvater und darf Kindheit und Vatersein noch mal als Trittbrettfahrer mitnehmen. Ich greife Kathrins Hand und weiß, dass sie genau in diesem Moment vom gleichen Gefühl wie ich überrannt wird: Schlichte, pure Dankbarkeit.



Thomas Knackstedt

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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