Schreiben und Lesen...

        

... das gehört zusammen wie gutes Training und ein schneller Wettkampf. Es muss aber nicht immer mit Laufen zu tun haben. Hier bekommt ihr jeweils eine Story angeboten, die sich ums Laufen dreht, oder auch nicht.




Eine Sekunde

 

Ich habe die 80 Grad warme Sauna verlassen und stehe vor der Dusche. Ich halte mich kurz an der Stange über dem Eingang fest, schließe die Augen und lausche „No Frontiers“ von den Corrs. Neben mir steht die Liebe meines Lebens und zu unseren Füßen liegt der Hund zusammengerollt und anscheinend glücklich.

 

Irgendwie klickt es ganz genau in diesem Moment in meinem Kopf. Vielleicht liegt das an der Hitze, in der ich eben noch steckte. Oder es war die Kälte davor. Draußen sind minus 20 Grad und der Lauf durch den verschneiten Hils hält meinen Kopf noch immer gefangen. Vielleicht aber ist es auch Sie, oder ich, oder die Umstände. Ich weiß es nicht. In jedem Fall läuft ab jetzt eine ganz spezielle, unglaublich schöne Sekunde.

 

Man sagt immer, dass in dem Moment des Todes, das Leben noch einmal an einem vorbeizieht. Ich weiß nicht, ob das so ist. Ich bin noch nie gestorben. Die Gedanken in meinem Kopf scheinen jedoch einen derartigen Moment zu produzieren. Dabei zieht sich die Zeit plötzlich auseinander wie ein Kaugummi. Sie steht still und ich bin ihr Mittelpunkt. Die Gedanken in meinem Kopf sind so glasklar wie das Wasser eines Gebirgsbaches.

 

In dieser Sekunde sehe ich mein Leben, das jetzt schon fast 60 Jahre währt. Ich hatte eine wunderschöne Kindheit. Behütet von den Eltern und der Großmutter. Mit Freunden, Zeit und Verständnis. Es folgte die Bekanntschaft mit der Liebe meines Lebens. Seit über vierzig Jahren gehen wir den Weg gemeinsam. Die Familie war immer dabei. Die Kinder bereicherten unser Leben auf eine Art und Weise, die wir uns niemals erträumt hätten. Wege führten zusammen und gingen auseinander. Alles veränderte sich. Nur Sie und ich blieben ein Paar, das langsam aber sicher durch die Zeit in die Zukunft reiste. Es gab keine schweren Schicksalsschläge, keine Unglücke, keine tödlichen Krankheiten. All das war und ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist Glück; großes Glück. Als Trabanten unseres Lebens begleiteten uns treue Hunde, von denen der Abschied immer schwer fiel. Da war Musik. Immer! Überall! Der Film, in dem wir die Hauptrollen spielten, unterhielt uns besser, als jeder Oscargewinner. Und es geht weiter. Noch…

 

All das fliegt durch meinen Schädel wie ein Zug Kraniche, der punktgenau den Weg in den warmen Süden findet. Alles ist geordnet und gut so wie es ist. Noch während die unendlich wirkende Sekunde verstreicht, schickt die Sonne ein Meer von Lichtstrahlen durch die Scheiben des Bades. Draußen klirrt die Kälte und hier drinnen beschlagen die Scheiben von Dampf und Hitze.


 

Dann ist die Sekunde vorbei. Ich öffne die Augen. Der Hund schaut mich besorgt an. Vermutlich denkt er ich hätte einen Herzanfall. Die Liebe meines Lebens lacht mir zu. Sie weiß, dass der alte Mann sich mal wieder hoffnungslos in seinem Kopf verlaufen hat. Aber jetzt ist er wieder da. Hier, mitten im Leben. Das besteht aus Jahren, Monaten, Wochen, Tagen, Stunden und Minuten. Doch manchmal, passt all das in eine einzige Sekunde hinein. Eine gute Sekunde. Ich wünsche jedem, dass er diese Sekunde mindestens einmal erleben darf. Sie wirkt unsagbar kurz und umfasst doch ein ganzes Leben. Sie verstreicht wie ein Augenzwinkern und kann doch erholsamer sein als ein kompletter Urlaub. Wir müssen sie nur zulassen…



Thomas Knackstedt



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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