Schreiben und Lesen...

        

... das gehört zusammen wie gutes Training und ein schneller Wettkampf. Es muss aber nicht immer mit Laufen zu tun haben. Hier bekommt ihr jeweils eine Story angeboten, die sich ums Laufen dreht, oder auch nicht.


 


Hotel Überall

 

Reisen sie gern? Eigentlich eine selten dämliche Frage, wenn man sie an einen Deutschen richtet. Die Deutschen sind bekannt für ihre Reiselust. Die meisten von uns wollen zwar nicht, dass Ägypter, Griechen, Spanier, Türken oder Kenianer bei uns als Migranten vor der Tür stehen, aber in ihre Länder in den Urlaub fahren, dass wollen wir alle sehr gern. Wir sind schon ein lustiges Völkchen…


Natürlich habe ich auch schon einige Länder besucht. Obwohl ich nicht so der typische Urlauber bin. Jedes Jahr irgendwohin fahren, am besten wo die Sonne immer scheint, steht jetzt nicht gerade für mich. Meine Füße haben in den letzten 50 Jahren den Boden von Spanien, Italien, Österreich, Dänemark, England, Frankreich, Holland, Polen, Luxemburg, die Schweiz und Belgien betreten; ich glaube das war es dann auch schon. Ich finde Urlaub auch toll, aber noch toller finde ich Zuhause. Das Problem ist halt, dass man von Zuhause nicht so schön erzählen kann. Manchmal denke ich, dass Menschen nur verreisen, um hinterher damit zu prahlen, wo sie schon waren. Doch das ist ein anderes Thema.


Wenn ich dann unterwegs war, dann stellte ich oft fest, dass es gar nicht das betreffende Land, also im sprichwörtlichen Sinne die Landschaft, war die mich begeisterte. Vielmehr waren es die Menschen. Die fand ich wesentlich spannender als Strände oder Berge. Je älter ich werde, desto mehr verstärkt sich dieser Eindruck.


Was ich im Urlaub gut finde ist, dass der Tag komplett anders abläuft. Urlaub heißt für mich ausschlafen. Bis 8 Uhr ist sehr schön. Dann in aller Ruhe frühstücken. Das darf auch mal zwei Stunden dauern. Kein Problem. Der Tag darf danach völlig anders ablaufen, als in meinem normalen Arbeitsalltag. Ungeplant, überraschend und vielseitig. Das wichtigste aber ist: SIE muss dabei sein. Ohne SIE geht gar nichts. Weder Urlaub noch Alltag.


Vor kurzem waren wir in Wien. Kurzurlaub. Ein paar Tage in einem kleinen Hotel, mitten in einer sonnenüberfluteten Metropole. Wir lungerten morgens im Bett herum, ließen uns beim Frühstück Zeit, saßen anschließend noch im Innenhof des Hotels beim „Verlängerten“ und waren ganz groß im Beine und Seele baumeln lassen. Da stellte ich wieder mal fest: Ich bin ein Hotelmensch. Mag man nicht glauben, ist aber so. Mit Zelten oder Camping braucht mir keiner kommen. Das ist nichts für mich.


Als ich in Wien, am frühen Abend, nichtsnutzig, faul und unglaublich entspannt aus dem Hotelfenster auf ein riesiges Hochhaus mit Lichtkulisse blickte, während meine Hand IHREN Rücken streichelte, kam mir die Idee zum Hotel Überall. Okay, sie ist noch nicht ganz ausgereift. Hier und da lässt sich immer etwas verbessern, aber ich finde sie nicht schlecht. Ich versuche mal, in so wenigen Worten wie möglich, ihnen das zu erklären.


Warum in die Ferne schweifen? Das kennen sie, oder? Mal angenommen, sie sind auch so ein Urlaubstyp wie ich. Kann ja sein, dass sie auch so eine SIE oder einen IHN haben, ohne den sie nicht klar kommen und der(oder die) jeden ihrer Tage zum Urlaubstag macht. Wieso dann wegfahren? Denken sie nur mal an ihre persönliche Umweltbilanz. Was sie da mit Auto-, Bus-, Bahn- oder gar Flugverzicht einsparen könnten ist schon ein schlagendes Argument. Der Planet wird es ihnen danken.


Was ich brauche ist ein Hotelzimmer, das mir sagt, ich bin… z.B. in Wien. Oder von mir aus New York, Manila, Tokyo, Moskau, Madrid, Peking, Rom oder sonst wo. Es sollte nicht schwer sein, dass hinzubekommen. Eine Fototapete als Fenster, oder ein Beamer, der mir das Stadtleben jeder x-beliebigen Stadt vorgaukelt. Den Stil des Zimmers der Landeskultur anzupassen ist ebenfalls einfach. Dann bräuchten wir noch einen Frühstücksraum und einen Innenhof, die den gleichen Zweck erfüllen. Man könnte das Personal die passende Fremdsprache sprechen lassen und die landesüblichen Fernseh- und Radioprogramme in alle Kommunikations-geräte einspeichern. Das wäre dann schon fast perfekt. Ich kann mir gut vorstellen das, wenn es einen Markt für diese Art Urlaub geben würde, sich sehr schnell ein paar Unternehmer finden würden, die ein verlockendes Geschäft ahnend, sich mit Investitionen beteiligen würden.



Fertig wäre der „Fernurlaub“ in der angesagten Metropole, ohne dass man dafür reisen müsste. Ich finde, das hört sich schon jetzt gut an.  Ich wäre dabei. Für mich wäre es kein Problem, dass ich gar nicht wirklich, sagen wir mal in New York wäre. Wichtig wäre, dass SIE da ist und ich, wenn ich ihren Rücken streichele, ihre Hand halte oder sie ganz fest umarme, denken würde ich wäre in New York. Das könnte ich. Keine Frage.


Überlegen sie mal: Kein Stau, keine verspäteten Züge, kein Festsitzen auf einem Flugplatz wegen irgendeines Streiks. Wäre das nicht was? Dazu die Wettersicherheit. Keine verregneten Tage, kein Schneechaos, keine Hitzeperioden, keine Naturkatastrophen. Das wäre doch schlichtweg ein Traum. Ganz nebenbei schaffen wir noch ein paar Arbeitsplätze und können eine Menge für die Integration von Migranten machen. Wenn das nicht verlockend ist, weiß ich es auch nicht.


So sieht sie also aus. Meine Idee vom reiselosen Fernurlaub. Ich sagte ja schon, die Sache ist noch nicht ganz durchdacht. Es gibt da einen Haken, den ich noch nicht lösen konnte. Vermutlich finde ich noch mehr Haare in der Suppe, wenn ich weiter darüber nachdenke, aber diese eine Sache stört mich schon jetzt.


Ich will zwar weder zelten noch campen, aber ich bin gern draußen. Mit dem Rad oder auf meinen eigenen Füßen erkunde ich die Welt am liebsten. Ich liebe es auf bekannten Wegen durch die Welt zu rennen. Doch genau so gern bin ich auf fremdem Terrain unterwegs. Ein Lauf durch eine Großstadt, in der ich mich nicht auskenne, ist ein unglaublicher Adrenalin-Kick für mich. Es gibt keine schönere Möglichkeit eine Stadt kennen zu lernen, als sich in ihr zu verlaufen. Ich liebe es, mich zunächst zu verirren und anschließend den Weg wiederzufinden. Nichts ist damit vergleichbar. Das ist in meinem Hotel Überall leider nicht machbar. Ich höre schon die Besserwisser: Wie wäre es mit einem Laufband und einem Film, der auf einer Leinwand abläuft? Da muss ich passen. Wenn es etwas gibt, was ich hasse, dann ist es das Laufen auf einem Laufband. Das hat mit „echtem“ Laufen ungefähr so viel zu tun wie eine Liebesaffäre mit einer Gummipuppe.

Ich hoffe, noch ein paar Jährchen zu leben. Dann wäre noch genügend Zeit vorhanden, um die Illusion meines Hotel Überall zu durchdenken und zu perfektionieren. Irgendwas wird mir schon einfallen, um die letzten Hürden des perfekten Fernurlaubs zu Hause zu realisieren. Ich gebe die Hoffnung jedenfalls nicht auf.  Falls sie eine Idee haben, melden sie sich bitte…



Thomas Knackstedt




 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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