Schreiben und Lesen...

        

... das gehört zusammen wie gutes Training und ein schneller Wettkampf. Es muss aber nicht immer mit Laufen zu tun haben. Hier bekommt ihr jeweils eine Story angeboten, die sich ums Laufen dreht, oder auch nicht.


 


Eine Rose im Asphalt.

 

Manchmal kommt es anders, denke ich. Das ist gut. Man kann in einem langen Tunnel feststecken und irgendwann sieht man doch das Licht. Oder aber der Himmel reißt innerhalb einer Sekunde auf und verwandelt das trübsinnige Grau in die strahlenden Farben des Regenbogens. Aber der Reihe nach. Die Geschichte geht so:

 

Udo hatte uns Eintrittskarte für das Kettcar-Konzert im Capitol in Hannover geschenkt. Der Junge weiß, was seine alten Leute mögen. Marcus Wiebusch und Co. sind seit dem neuen Jahrtausend fester Bestandteil unseres eigenen, kleinen Musikuniversums. Bei Liedern  wie -Landungsbrücken raus-, -Balu- oder -Der Tag wird kommen- haben wir gelacht, geweint, gehofft und getanzt. Okay, das Capitol ist nicht meins, seit ich vor ein paar Jahrzehnten ein Van Morrisson Konzert dort gesehen habe. Der Laden gefiel mir nicht. Als Hintergrundbild für eines meiner musikalischen Idole war es damals jedenfalls völlig ungeeignet. Doch das ist lange her.

 

Die Woche war hart für mich. Akten wälzen, auf den Bildschirm glotzen und Tausende Seiten Papier sichten. Mein Kopf schwirrte wie ein Bienenschwarm, selbst als ich  mich auf dem Heimweg auf dem Rad abstrampelte, wurde der Schaltkasten in meinem Schädel nicht locker. So gefalle ich mir selbst nicht.

 

Auf dem Weg nach Hannover bin ich weder Fisch noch Fleisch. Wird das gut? Ich weiß es nicht. Wir treffen Udo, gehen zusammen essen, trennen uns danach und dann rauschen Kathrin und ich zum Capitol. Es ist schweinekalt draußen und unser Atem entlässt Hunderte kleiner weißer Wölkchen bis zum Schwarzen Bären. Gott sei Dank kommen wir schnell rein und suchen uns einen Platz auf dem Balkon. Nicht gerade die Präsidentenloge, aber okay. Es gibt ein paar Stufen, auf die man sich setzen kann. Das ist schon mal gut. Ich hocke mich hin und vergrabe den Kopf in den Händen. Ich bin irgendwie nicht in Stimmung für ein Konzert. Um uns herum füllen sich die Reihen. Es wird laut, voll und warm. So warte ich eine halbe Stunde, bis es los geht. Es gibt eine Vorband. Ja, ich weiß wie wichtig es ist, jungen Künstlern eine Chance zu geben. Gar keine Frage. Ich habe auch schon Gigs gesehen, wo die Vorband besser war als der Hauptakt. Aber heute ist das nicht der Fall. Es gibt eine Menge Menschen, die Musik machen. Aber nur wenige, die es wirklich können. Ein Song der Band ist okay, der Rest eine ziemlich fade Brühe ohne Höhen und Tiefen. In jedem Fall sorgt das nicht dafür, dass meine Stimmung sich aufhellt.

 

Als die Vorband von der Bühne geht, plumpse ich wieder auf meinen Hintern. Ich kann nicht mehr so lange stehen und fühle mich beschissen. Bis die Bühne umgebaut ist, dauert es gefühlte Äonen. Ich schließe immer wieder meine Augen und atme ganz tief durch. Ich versuche das Tausendfache Stimmengewirr um mich herum auszublenden und suche die Insel der Stille im Meer des Lärms. Keine Chance. Mein Kopf produziert nur einen einzigen Gedanken, aber den so leuchtend hell wie ein Buschfeuer: Ich will nach Hause! Dann geht das Licht aus…


 

Ich glaube an Magie. Ganz fest und unverrückbar. Es gibt diese Momente, wo dich jemand berührt und die Erde steht urplötzlich still. Wo ein Kuss, ein Blick, ein Song, ein Wort oder eine Berührung alles auf den Kopf stellt. Als das erste Gitarrenriff vom Eröffnungssong -Trostbrücke Süd- in den Raum schallt, ist genau so ein Moment. Er erwischt mich so hart und unbarmherzig wie ein Faustschlag ins Gesicht. Ich stehe auf, kann mich kaum auf den Beinen halten und spüre, wie die Schallwellen der perfekt eingestellten Anlage jeden einzelnen Knochen meines Körpers sanft und weich ins Schwingen bringen. Marcus Wiebusch Stimme und der Text des Liedes verpassen mir eine Gänsehaut. Meine Beine bewegen sich im Takt, mein Kopf wird sekundenschnell formatiert und ich bin ganz plötzlich voll da. So muss es sich anfühlen, wenn man sich einen Schuss setzt. Nur, dass das hier wesentlich gesünder ist. Alle Stimmen im Saal verstummen und aus 1400 Einzelpersonen wird ein Publikum. Wie unglaublich geil fühlt sich das an. Als ich mich umschaue, sehe ich in den Gesichtern der Menschen genau diesen Ausdruck von Dankbarkeit, den ich gerade fühle.

 

Als -Balkon Gegenüber- die Boxen zum vibrieren und die Menge zum Toben bringt, springt mich die Musik wie ein wildes Tier an. Ein Tiger oder Löwe im Sprung, der dich voll erwischt und von den Beinen fegt, als wärst du ein Stück Papier. Wir brüllen und stampfen. Das Publikum ist fast so textsicher wie die Band. Die einzelnen Menschen der Menge werden zum Wir und werfen dabei ihr Ich über Bord. Nicht gerade besonders intellektuell oder geistig hochtrabend, aber schön.

 

So geht es fast zwei Stunden lang. Immer wieder greife ich Kathrins Hand. Jedes Lied ist mit einer Lastwagenladung voller Erinnerungen beladen. Wir küssen uns und genießen jede einzelne Sekunde. Am Ende wirbelt -Landungsbrücken raus- noch einmal wie ein Orkan durch den Saal. Selten konnte ich Genugtuung und Freude so greifbar fühlen, wie in diesem Moment. Als die Band verschwindet kriegen sich die Menschen kaum ein. Wir pfeifen, klatschen, rufen, johlen. Das darf es nicht gewesen sein. Es gibt sie noch. Die allerletzte Zugabe. Das Konzert endet mit -Auf den billigen Plätzen-. Nie war ein Ende schöner. Als würden alle loslassen und endlich kapieren, dass Genießen Pflicht ist, wenn man begriffen hat, dass das Leben endlich ist. Wir halten unsere Hände und schreien lauthals mit. Am Ende implodieren die Gitarren und das Schlagzeug in einem Schlag zu einem schwarzen Loch der Stille. Eine Sekunde später bricht der Applaus los. Der wird seinerseits jetzt zum wilden Tier und erstürmt brachial die Bühne. Es muss ein gutes Gefühl sein, jetzt dort oben zu stehen. Ich hoffe, die Musiker kapieren, dass sie für eine gewisse Zeit Magie verbreiten durften. Nichts davon ist alltäglich, alles ein Wunder. Aber man muss Augen, Ohren und die eigene Seele ganz weit aufsperren, um das mitzubekommen.

 

Draußen ist es noch immer eiskalt. Mein Herz ist allerdings so warm, dass ich damit locker zehn Autoscheiben auftauen könnte. Ich halte Kathrin im Arm und habe mich wieder mal vom Leben überraschen lassen. Meine Meinung, meine Stimmung, meine Ansicht, all das war einen Dreck wert. Wenn das Leben will, dann rennt es dich über den Haufen und lässt dich staunen wie ein Kind. Ich bin froh, dass ich all das noch erleben darf. Das Leben ist schön. Es hält immer wieder gute und schlechte Überraschungen für uns bereit. Du musst dich ducken oder ertragen, wenn du ins Kreuzfeuer von Tagen und Monaten gerätst. Aber als Ausgleich gibt es Momente wie heute Abend. Menschen, Musik und Magie. Dann wähnt man sich auf einem endlos grauen Weg voller Asphalt und Steine, der einem den letzten Funken Hoffnung nimmt. Bis man plötzlich vor einer Rose steht, die mit ihrer fragilen Zerbrechlichkeit die Betondecke durchbrochen hat, als wäre sie aus Papier. Dann geht ein Lächeln über dein Gesicht und du weißt, dass das Leben lebenswert ist…                 



Thomas Knackstedt



 

 

 

 

 

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