Schreiben und Lesen...

        

... das gehört zusammen wie gutes Training und ein schneller Wettkampf. Es muss aber nicht immer mit Laufen zu tun haben. Hier bekommt ihr jeweils eine Story angeboten, die sich ums Laufen dreht, oder auch nicht.




Warten

 

Ich habe in den letzten Jahren einige Zeit in Heimen verbracht. Als mein Vater dement wurde, besuchte ich ihn drei Mal in der Woche. Meine Mutter war jeden Tag bei ihm und ich bewunderte sie einerseits für ihre große Liebe und andererseits für die Kraft, sich dieses Elend vom Warten auf den Tod anzutun. Es dauerte über zwei Jahre bis mein Vater starb. Im letzten Jahr war er nicht mehr als eine Hülle, deren Innenleben für uns unerreichbar war. Allein der Gedanke, ob er uns noch sah, hörte, mitbekam, oder aber in einem gefühllosen Delirium dahinvegetierte kostete mich Stunden des Grübelns. Allein, geändert hat es nichts.

 

Wir träumen von einem erfüllten Leben und einem schnellen Tod. Umfallen, Ende, Aus. Aber leider läuft das in den meisten Fällen nicht so. Die Zukunft wird noch geschrieben. Niemand weiß, wie sie die leeren Seiten jedes einzelnen Lebens füllen wird. Doch am Ende steht immer der Tod. Ausnahmslos.

 

Ich denke oft an den Tod. Schon als Kind verschwendete ich meine Gedanken an mein Ableben. Als ich mir überlegte, dass ich dann nichts mehr sehen, hören und fühlen könnte, nahm mich das echt mit. Die Vorstellung, wie das wäre, tot zu sein, brachte mich schier um den Verstand. Ich lag stundenlang heulend im Bett und machte mir Sorgen um mein Leben.



Heute lache ich darüber, aber damals war das so bedrückend wie ein schwerer Felsblock der einem auf dem Herzen liegt. Heute sind meine Gedanken an den Tod komplett anders. Ich sehe ihn als eine Art Ansporn und Aufforderung verdammt noch mal zu leben. Immer wenn ich denke: „Der Spaß hier ist irgendwann vorbei“, weiß ich, dass es wichtig ist jede Stunde und jeden Tag zu genießen. Egal, was er bringt.

 

Allerdings ist das leicht zu sagen, wenn man noch denken, fühlen und sich bewegen kann. Wenn ich heute im Heim bin, besuche ich meine Schwiegermutter. Wenn ich sie bewegungslos im Bett liegen sehe, die Augen gebannt auf einen imaginären Punkt an der Decke gerichtet, bricht mir das Herz. Eine austherapierte Parkinson-Patientin kann dafür sorgen, dass man dem Tod nicht mehr so gelassen entgegen sieht.

 

Wenn wir vom Sterben reden, heißt es oft: Er, oder Sie, hat den Kampf gegen den Tod verloren. Was für ein Schwachsinn. Einen Kampf kann man gewinnen. Das ist beim Gegner Tod nicht der Fall. Vor allem aber kämpfen die meisten Menschen nicht gegen den Tod, sondern sie warten auf ihn.

 

Meine Schwiegermutter war einer der lebenslustigsten Menschen, die ich kannte. Das alles ist nur noch in meiner Erinnerung vorhanden und wird sich dort auch niemals ändern. Heute will sie nur noch eins: Sterben. Doch das funktioniert nicht. Auch ohne lebensverlängernde Maßnahmen oder aufwändige Medizin lebt sie schon sehr lange mir dieser schweren Krankheit. Vor einem Jahr warteten wir fast täglich mit ihr zusammen auf den Tod. Es sah schlecht aus. Doch sie erholte sich wieder. Jetzt, ein Jahr später, ist ihr Sohn gestorben. Kurz danach starb ihr Lebenspartner. Nur sie ist noch immer da und fragt sich vermutlich, was sich das Schicksal bei dieser Angelegenheit gedacht hat. Verstehen muss man das nicht.

 

Wenn ich an ihrem Bett stehe, weiß ich: Da geht es hin! Ohne Wenn und Aber. Klar kann man mehr Glück haben, aber das weiß man nicht. Die Zukunft lässt sich nicht in die Karten schauen. Was ich in diesen Momenten immer mehr erkenne ist, dass sich das Leben im Hier und Jetzt festklammern kann. Egal ob du das willst oder nicht. Das Leben in uns allen will nicht enden. Es will so lange bleiben, wie es nur geht. Es ist ein verdammt schlechter Verlierer.

 

Als ich vor ein paar Wochen im Heim war, besuchte ich auch den Lebenspartner meiner Schwiegermutter. Er lag im Sterben. Als ich in sein Zimmer kam, saß dort eine alte Frau, die ich nicht kannte, auf der Fensterbank. Sie hatte einen Gegenstand am Ohr von dem ein langes Kabel herunterhing. Ich dachte: Wieso telefoniert die Frau hier im Zimmer? Es dauerte einen Moment, bis ich erkannte, dass die Frau sich einen Rasierapparat ans Ohr hielt. Ich sprach sie an, erntete aber nur einen verstörten Blick aus Augen, die vermutlich eine andere Welt sahen, als diejenige, die ich gerade erblickte. Als ich auf dem Flur eine Pflegerin ansprach, bedankte sie sich bei mir, da sie die alte Dame schon einige Zeit suchte.

 

Die alten, verwirrten Menschen werden wieder zu Kindern. Kinder, die in den Körpern von Greisen gefangen sind. Ich stelle mir die Fragen: „Muss das so sein? Will ich das für mich so? Was kann ich dagegen tun?“ schon lange nicht mehr. In meinen Augen macht das alles keinen Sinn.

 

Am sprichwörtlichen Ende heißt es: Warten! Mehr bleibt uns nicht. Wer weiß, vielleicht ändert sich in den nächsten Jahren schon alles. Vielleicht kann man sein Leben beenden wann und wie man will. Aber ändert das etwas? Ich bin mir nicht sicher. Ich liebe das Leben und ich werde es irgendwann hergeben müssen. Vielleicht schlägt der Blitz in mich ein und ich bin tot, bevor mein Körper den Boden berührt. Vielleicht liege ich Jahre wie eine lebende Leiche in einem Pflegeheim, ehe ich erlöst werde. Das Ergebnis wird mein Tod sein. Allerdings würde ich mir für meine Kinder und die Liebe meines Lebens wünschen, dass es schnell geht. Diejenigen, die das lange Warten auf den Tod begleiten, sind die eigentlichen Verlierer. Sie können den Schmerz und die Qual nur erahnen. Sie wissen nicht, wie das ist auf den Tod zu warten. Und derjenige der wartet, kann es oft nicht mehr erzählen…



Thomas Knackstedt


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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