Schreiben und Lesen...

        

... das gehört zusammen wie gutes Training und ein schneller Wettkampf. Es muss aber nicht immer mit Laufen zu tun haben. Hier bekommt ihr jeweils eine Story angeboten, die sich ums Laufen dreht, oder auch nicht.


 


Trainingspartner


Wer trainiert schon gern allein? Wenn es darum geht, die eigenen Grenzen anzutasten, sich an sie heranzuarbeiten, dann ist das immer eine recht unangenehme Aufgabe. Klar macht es Spaß, sich zu belasten, aber wenn es ans Limit geht, dann tritt der Spaß oft in den Hintergrund.


Wenn ich eines weiß, dann ist das der Fakt, dass man mit anderen zusammen sehr viel leichter in hohe Belastungsbereiche kommt. Der innere Schweinehund lässt sich sehr viel besser an die Leine nehmen und zum Gassi gehen überreden, wenn man einen oder mehrere Partner an seiner Seite hat. Ich hatte immer das Glück, nicht ständig allein trainieren zu müssen. Ein Segen…


Als ich mit dem Laufen begann war es Sabine, mit der ich Kilometer für Kilometer „abriss.“ Wir waren ungefähr gleich schnell, jedenfalls auf Strecken so um die 30 Kilometer. Wenn es kürzer ging, konnte ich sie abhängen. Ging es auf längere Distanzen war ich komplett chancenlos. Doch das war uns Beiden egal. Wir hatten eine diebische Freude daran, den anderen so weit zu fordern wie das ging. Jedes Mal, wenn ich Sabine die Hacken zeigen konnte, war das ein echtes Fest für mich. Wenn sie mich dann auf der Langstrecke gnadenlos stehen ließ, obwohl ich alles gab, was ich zu bieten hatte, zeigte mir das glasklar meine Grenzen auf. Jeder Lauf, den wir auf die Höhen des Hils liefen, war eine unvergleichliche Reise, die vom Sound unserer Herzschläge und Atemzüge begleitet wurde. Keiner von uns hätte die Strecken und Zeiten, die wir zusammen liefen, allein hinbekommen.


Auf dem Rad war es Blecki, der mich dazu brachte, mich derart ins Rad fahren hineinzusteigern, wie ich das niemals für möglich gehalten hätte. Die Sache war ganz einfach: Wenn ich mit Blecki zusammen fahren wollte, musste ich irgendwie sehen, wie ich da mitkam. Blecki war ein netter Typ, nur eine Sache, die machte er einfach nicht: Er wartete nicht auf mich. Es war ganz einfach, es hieß: Friss oder Stirb! Ich entschied mich fürs Fressen und musste dafür mehr als einmal einen Preis bezahlen, der so hoch war, dass ich gar nicht glauben konnte, dass ich da zahlungsfähig war. Doch ich war es. Immer öfter. Mit immer mehr Spaß. Wir überquerten die Alpen, fuhren im strömenden Regen, in heftigem Schneefall oder durch Meere von Matsch. Wir verließen uns allein auf unser Material und unsere Kraft. Die schöpften wir bis zur letzten Kalorie aus.


Mit Karsten und Mario war es nicht anders. Wir rannten Berge hinauf und Täler hinunter. Wir fuhren mit dem Rennrad auf Alpenpässe und hatten das Gefühl, unsere Herzen würden stehen bleiben. Wir donnerten mit 80 Sachen die steilsten Bergh hinunter und fuhren im Schneckentempo auf Karrenwegen bis auf 2600 Meter Höhe. Jeder orientierte sich am anderen. Wenn der noch konnte, musste man selbst auch noch irgendwo ein Körnchen Kraft haben, das man verbrauchen konnte. Das hieß es zu finden und zu verbrennen.



So sah das aus, damals. Auch heute trainieren wir noch zusammen. Aber keiner unserer Läufe und keine unserer Ausfahrten bringt uns an den Rand unserer Kraft. Diese Zeiten sind vorbei. Noch immer ist es dreifach schön zusammen zu laufen oder zu fahren.


Neben diesen Freunden, die mich immer wieder zu Höchstleistungen getrieben haben, gibt es aber noch andere Trainingspartner, auf die ich nie hätte verzichten wollen. Ohne sie wäre jede Leistung nur eine Zahl und kein Erlebnis.


Da sind zum Beispiel die Berge. Ihre steilsten Anstiege und rasantesten Gefällstücke haben mich immer wieder angespornt und begeistert, mein Bestes zu geben. Oder der Wind, der mich manchmal aus gutem Tempo fast auf Null gebremst hat. Andererseits konnte er mich mit Macht nach vorn pushen, dass ich glaubte, ich würde fliegen. Da ist die brüllende Hitze, die jeden Läufer und jeden Radfahrer mehr limitiert, als alle anderen Naturkräfte. Sich mit ihr anzulegen heißt immer wieder einen gefährlichen Kampf anzutreten. Das Gegenteil davon ist eisige Kälte. Ein Lauf bei minus 20 Grad ist etwas, was du nie mehr vergisst.


Dann gibt es noch die traumhaftesten Kombinationen. Wind von vorn, bei eisiger Kälte, im Schnee- und Nieselregen, steil einen Berg hinauf. An deiner Seite, deine Trainingspartner aus der Gruppe. Darüber geht nichts; gar nichts. Von mir aus auch anders herum. Steil bergab, der Fahrtwind kühlt die Sommerhitze weg und die Beine können gar nicht so schnell treten wie man fährt. Alle diese Kombinationen sind gut. Besser als allein zu sein. Zusammen wird man stark. Das sollte man niemals vergessen…



Thomas Knackstedt