Schreiben und Lesen...

        

... das gehört zusammen wie gutes Training und ein schneller Wettkampf. Es muss aber nicht immer mit Laufen zu tun haben. Hier bekommt ihr jeweils eine Story angeboten, die sich ums Laufen dreht, oder auch nicht.


 


Arkadi, ich und die ganz große Liebe.


Ich sitze vor dem Monitor und heule. Nicht gerade herausragend für einen alten Mann, aber es lässt sich nicht ändern. Es sieht mich ja auch keiner; na ja, bis auf Arkadi. Der liegt etwa einen Meter hinter mir und hat den Monitor ebenfalls im Blick. Ich weiß gar nicht, ob Hunde weinen können. Diejenigen, die unser Leben bisher begleiteten, konnten es nicht. Wobei Arkadi ein echt romantischer Typ ist. Wer weiß, vielleicht kommt das noch. 


Wir schauen die koreanische TV-Serie -Something in the Rain-. Auf dem Monitor finden zwei Menschen in einer Liebe zueinander, die so kitschig wie schön ist. Im Hintergrund läuft die Musik von Rachael Yamagata und die Bilder sind vom Regisseur derart herzergreifend und berührend gestaltet worden, dass ich einfach nicht dagegen ankomme. 


Was braucht man für eine gute Geschichte? Da gehen die Meinungen auseinander. Es gibt Menschen, die glauben, dass es dafür große Abenteuer, spektakuläre Bilder, wahnwitzige Taten und außergewöhnliche Helden braucht. Menschen, die das Meer teilen, übermächtige Feinde besiegen und ohne Fehl und Tadel daherkommen. 


Das mag schon sein, aber ich gehöre nicht zu dieser Kategorie von Geschichtenliebhabern. Das Wichtigste bei einer guten Geschichte ist der Erzähler. Wenn der seinen Job beherrscht, ist das die halbe Miete. Für den Rest braucht es nicht viel. Bei der Geschichte, die da gerade vor unserem treuen Vierbeiner und mir auf dem Monitor abläuft, sind das lediglich zwei Menschen und die Liebe. Mehr nicht. Punkt! Schon bei Romeo und Julia hat das ausgereicht, um Generationen von Menschen zu Tränen zu rühren und Herzen zu öffnen, die für immer verschlossen schienen. 


Der junge Jun-hui verliebt sich in Jin-a. Sie ist die Freundin von Jun-hui‘s Schwester und wesentlich älter. Aber wie wir ja alle wissen: Wo die Liebe hinfällt… Es gibt kein Halten mehr. Weder für unseren jungen Romeo noch für die ältere Julia. Im Korea der Jetztzeit ist das jedoch nicht so einfach. Da sind die Eltern für eine Beziehung der Kinder entscheidend. Und Jin-a’s Mutter versucht alles, um die große Liebe ihrer Tochter zu zerstören. 


Das hört sich jetzt zwar ein bisschen nach Rosamunde Pilcher an, ist aber völlig anders. Ich weiß das. Arkadi weiß das auch. Wenn es romantisch wird, Tränen fließen, langsame Musik spielt und ein junger Mann, gegen alle Widerstände, egal wie hart und ungerecht sie auch sein mögen, zu seiner Liebe steht, dann ist das eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden. Eine Geschichte, die man oft nur erleben kann, wenn man jung ist. Ich kann mich ziemlich gut an diese Zeit in meiner Jugend erinnern. Ich hatte allerdings, das Glück, dass niemand der Liebe meines Lebens im Weg stand. Im Gegenteil. Dafür bin ich noch heute dankbar. Ich streichele Arkadis Fell und erzähle ihm, wie das damals bei uns war. Zur Musik von Rachael Yamagata lässt sich das gut erzählen. Arkadi schaut mich an und ich bin mir ziemlich sicher, dass er verständnisvoll genickt hat, als ich ihm von meiner Liebe erzählte. Niemand kann mich in dieser Beziehung besser verstehen als er. Schließlich lieben wir beide dieselbe Frau und sind uns sicher, dass niemand das besser kann als wir.

 


Auf dem Bildschirm wechseln sich verhängnisvolle Momente mit unbeschwerter Leichtigkeit ab. Das wahre Leben halt. Wir schauen zu, seufzen an den richtigen Stellen und denken: Ja, so war das! Und wir denken: Ja, so ist das! Hoffentlich bleibt es noch lange so. Für Arkadi und für mich. Wir drücken Jin-a und Jun-hui die Daumen. Die haben die Zielgerade im Rennen um die große Liebe noch nicht ganz erreicht. Aber sie sind auf dem Weg. Arkadi und ich werden sie dabei nicht aus den Augen lassen…



Thomas Knackstedt