... das gehört zusammen wie gutes Training und ein schneller Wettkampf. Es muss aber nicht immer mit Laufen zu tun haben. Hier bekommt ihr jeweils eine Story angeboten, die sich ums Laufen dreht, oder auch nicht.
Hokus Pokus Fidibus.
Ich bin mit Felix auf dem Rennrad unterwegs. Felix ist 20 Jahre alt. Ich bin 45 Jahre älter. Wenn man zusammen in der Hitze eines Sommertages die Rennradkurbeln dreht, vergisst man diesen Altersunterschied schnell. Mir geht es jedenfalls so. Als wir auf einer kleinen Landstraße einen Gutshof passieren, der etwa 100 Meter neben der Straße liegt, erzähle ich Felix, dass mich hier früher immer ein großer Hofhund verfolgt hat. Der lag stets vor dem Eingangstor des Hofes. Wenn er mich auf dem Rad kommen sah, setzte er sich in Bewegung und jagte mich anschließend ein paar Hundert Meter die Straße entlang. Ein verdammt guter Motivator. Ich erzähle Felix, dass es so eine Szene in einem der ersten Kevin Costner-Filme gab. In -American Flyer- spielte Costner einen Radfahrer, der seinen Bruder bei einem großen Rennen begleitete. Bei einer Trainingsfahrt mit einem Freund fuhr Costner absichtlich an einem Grundstück vorbei, auf dem ein Pitbull schon auf die Radfahrer wartete. Es folgte eine wilde, dramatische Hochgeschwindigkeitsfahrt, um den Zähnen des Hundes zu entkommen. Eine Filmszene, die ich nie vergessen werde. Was sagte Felix dazu? „Wer ist denn Kevin Costner?“
Das ist einer dieser Momente, die mich in den letzten Jahren immer wieder beschäftigen. Mein Kopf lebt in einer Welt, die nur für mich zugänglich ist. Meine Gewissheiten, Fakten, Ängste, Sorgen, Freuden und Erinnerungen sind exklusiv. „Meine Welt“, die in meinem Kopf existiert, verschwindet nach und nach. Löst sich sozusagen auf. Menschen, Gebäude, Begebenheiten, egal was, ich habe das alles noch in meinem Speicher, aber die Realität hat mit den meisten dieser Erinnerungen bereits kurzen Prozess gemacht. Menschen sind gestorben, Geschichten vergessen, Gebäude abgerissen. Dagegen komme ich nicht an. Die Realität ist ein unschlagbarer Gegner, auch wenn mittlerweile viele Menschen glauben, sie könnten dieser Realität mit Wunschdenken oder schlichter Dummheit entkommen. Keine Chance!
Es ist wie ein Zaubertrick. Musiker und Autoren, die mein Leben tiefgreifend verändert haben, sind heute vergessen. Wenn ich mit einem 20jährigen rede, wird er nicht viel von Peter Ustinov, Ernest Hemingway, Charles Bukowski, John Steinbeck oder Astrid Lindgren wissen. Auch Bands wie Yes, die Cultures Pearls oder Oasis geraten langsam in Vergessenheit. Die alte Welt verschwindet. Es gibt nichts, was man dagegen tun könnte. Natürlich kann im Rahmen einer Retro-Welle das ein oder andere wieder hochgespült werden, doch letztendlich sind die alten Zeiten vorbei. Phänomene wie die Beatles, Beethoven oder Shakespeare sind da die viel zitierte Ausnahme von der Regel.
Jeder von uns lebt unter diesem Joch einer sich unabänderlich verändernden Welt. Heute ist man noch dabei, Morgen ist man draußen. Man nimmt Regeln, Gewohnheiten und Gewissheiten mit durch sein Leben. Doch die Realität ignoriert das. Sie verändert sich an jedem gottverdammten Tag. Egal, wie sehr wir auch hetzen, eilen, versuchen hinterherzukommen, wir sind chancenlos. Die Gültigkeit unseres Tickets läuft ab und wir können nichts dagegen tun. Also müssen wir uns damit arrangieren. Die Realität hat diesen Zauberspruch ganz exklusiv für sich. Hokus Pokus Fidibus und plötzlich ist alles anders.
Ich werde weiterhin in „meinem Leben“ leben. Ich werde mich an meine Regeln, Gewohnheiten und Gewissheiten halten. Dia anderen können mich gern für altmodisch, komisch, seltsam oder verrückt halten. In „meiner Welt“ kenne ich mich aus und komme bestens zurecht. Und manchmal, wenn ich den coolen Typen aus der realen Welt meine Geschichten von früher erzähle, dann beobachte ich, dass sie leuchtende Augen bekommen und sich ein wenig ärgern, nicht dabei gewesen zu sein. Ich kann sie dann trösten. Macht euch keine Sorgen. Nur ein paar Jahre, dann sind auch eure Erinnerungen exklusiv und ihr habt eure „eigene Welt.“ Dann dürft ihr von „damals“ und „früher“ berichten und versuchen den Menschen diesen Zaubertrick zu erklären, den nur die Realität draufhat.
Thomas Knackstedt