Schreiben und Lesen...

        

... das gehört zusammen wie gutes Training und ein schneller Wettkampf. Es muss aber nicht immer mit Laufen zu tun haben. Hier bekommt ihr jeweils eine Story angeboten, die sich ums Laufen dreht, oder auch nicht.



 


Lust und Frust.


Zu leben heißt auf den Wellen des Meeres zu reiten. Es geht auf und ab und Du weißt nie, wie lange Du dich halten kannst. Jeder von uns ist auf der Jagd nach positiven Zielen wie Glück, Zufriedenheit, Liebe, Wohlstand, Gesundheit oder Ruhe. Doch ob wir etwas davon erreichen oder nicht, steht in den Sternen. Genau so gut können uns Krankheit, Armut, Stress, Hass, Einsamkeit oder Depression erwischen. Vielen geht es so. Ob wir auf der Schattenseite des Lebens stehen oder im Licht wandeln, das ist oft Schicksal. Natürlich können wir an der einen oder anderen Schraube drehen und unser Leben selbst in die Hand nehmen. Keine Frage. Doch auch diejenigen, die genau das machen, kann es erwischen. Was nützt es Dir, der glücklichste Mensch der Welt zu sein, wenn Du an der nächsten Straßenecke überfahren wirst?


Es gibt allerdings einen Weg, die Sicht auf das Leben ein wenig angenehmer zu gestalten. Es ist die Frage der Perspektive, wie so oft. Was macht dich glücklich? Muss es sein Millionengewinn im Lotto sein, oder reicht es Dir, einen Vogel im Flug zu beobachten? Musst Du 100 Jahre alt werden ohne jemals krank gewesen zu sein, oder bist Du mit 80 Jahren ohne schwere Krankheiten zufrieden? Muss es die unsterbliche Liebe sein, bei der vom Sex bis zur Seelenverwandtschaft einfach alles stimmt, oder darf es ein Gefährte oder eine Gefährtin sein, die dich liebt und sich für dich einsetzt? Wie sieht es damit aus bei Dir?



Ich habe in meinem Leben folgendes gelernt: Richtig gute Momente, weiß ich oft nur dann zu schätzen, wenn ich schon wesentlich schlechtere erlebt habe. Es gibt kein Licht ohne Schatten und selbst die dunkelste Nacht kann den Sonnenaufgang nicht verhindern. Jeder Schmerz geht irgendwann vorbei und jeder Jubel verstummt.


Ich habe es einmal geschafft, bei einem Marathonlauf bei Kilometer 41 auszusteigen. Ich war zu schnell losgelaufen, hatte das Ziel vor Augen, das erste Mal unter drei Stunden zu laufen, und war bei Kilometer 35 eingebrochen. Ich schleppte mich noch weiter, wurde gefühlt von Hundertschaften von Läufern überholt und setzte mich einen Kilometer vor dem Ziel heulend auf den Bordstein. Eine echt beschissene Erfahrung. Aber eine, die mir unglaublich viele gute Gefühle in meinem weiteren Leben beschert hat. Seit diesem Fiasko bin ich Dutzende von Marathonrennen gelaufen. Ich habe mir jeden Traum, den ich mir für die Marathonstrecke auserkoren hatte, erfüllt. Und jedes Mal, wenn ich von Kilometer 35 bis 42 unterwegs bin und es mir gut geht, denke ich an meinen Ausstieg bei Kilometer 41. Ich spüre dann noch immer diesen unglaublichen Frust und sofort freue ich mich über die ungeheure Lust, die mich in diesem Moment über den Asphalt trägt.


Es gibt Tausend Beispiele für die Wertschätzung eines Zustandes. Wir wissen zum Beispiel nicht mehr, was Krieg ist. Eines kann ich ihnen versichern: Es ist nicht das, was wir uns jeden Tag, aus irgendeinem verlassen Ort auf der Welt, in den Nachrichten anschauen. Unsere Großeltern wissen ganz genau was ich meine. Zuzuschauen, wie geschossen, gebombt und gemordet wird ist eine Sache. Selbst beschossen, ausgebombt und ermordet zu werden ist eine völlig andere Geschichte. Wenn ich mit meinen Großeltern über den Krieg sprach, bekam ich als erstes zu hören, wie unsagbar schön es ist, im Frieden zu leben. Den zu genießen reichte einer ganzen Generation zum Glücklichsein aus.


Heute möchte im privilegierten Europa niemand hören, dass man unseren Zustand mit anderen Zuständen vergleicht. Aber wieso nicht? Während wir für noch mehr Urlaub, höhere Löhne, niedrige Mieten und die ach so schlimme staatliche Gängelung auf die Straße gehen, werden in anderen Ländern Menschen eingesperrt oder umgebracht, nur weil sie ihre Meinung sagen, ein Kopftuch tragen oder einen Menschen gleichen Geschlechts lieben. Wenn ich an diese Dinge denke, bin ich froh, ganz genau hier und jetzt zu leben. Sagen darf ich das aber nicht jedem, da ich dann schnell und erbarmungslos als ewig gestriger Spießer bezeichnet werde. Doch sei es, wie es ist. Ich vergleiche gern und ich erlaube mir auch Beurteilungen, so falsch sie manchmal sind. Dass ich das hier kann ohne eine negative Repression zu erfahren, ist ein lebenswertes Stück Freiheit.


Letztendlich läuft alles auf Ying und Yang, Dunkel und Hell, Gut und Böse hinaus. Gegensätze ziehen sich an und wir werden sie auch weiterhin erleben. Wir werden feststellen, wie bitter es ist zu Boden zu gehen und wie unsagbar berauschend es sein kann wieder aufzustehen. Wir werden die Liebe unseres Lebens finden und genießen und sie irgendwann verlieren. Wir werden nach vorn schauen und dort Gutes und Schlechtes sehen. Der Rückspiegel bietet uns zumeist das gleiche Bild. Doch auf dem Sitz des Fahrers sind wir im Hier und Jetzt. Ganz genau da findet das Leben statt. Nur Du kannst entscheiden, wohin die Reise geht. Steuer auf die Lust zu. Niemand weiß, ob Du ankommen wirst. Letztendlich geht es darum, es zu versuchen. Das kannst Du…



Thomas Knackstedt



 

 

 

 

 

 

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