Schreiben und Lesen...

        

... das gehört zusammen wie gutes Training und ein schneller Wettkampf. Es muss aber nicht immer mit Laufen zu tun haben. Hier bekommt ihr jeweils eine Story angeboten, die sich ums Laufen dreht, oder auch nicht.


 

 



Laufen im Märchenwald.


Alle, die aus den gleichen Motiven wie ich laufen wissen, dass jeder Lauf eine Reise ist. Ein Abenteuer mit bekanntem Start und unbekanntem Ausgang. Wenn Du bereit bist, dich auf die Besonderheiten deiner Laufstrecke einzulassen, erwarten Dich spannende Momente, traumhafte Einblick und berührende Sekunden. Dabei ist es völlig egal wo Du gerade auf der Welt läufst. Wer nur auf die Uhr schaut oder versucht vor sich selbst davon zu laufen, wird so etwas niemals erleben.


Heute stürze ich mich wieder in so ein Abenteuer. Und wie bei Hunderten Läufen zuvor ahne ich beim Start überhaupt nicht, was alles passieren wird. Es ist ein Dezembertag der die Überschrift „Grau in Grau“ trägt. Die letzten Tage gingen die Temperaturen bis -11 Grad hinunter. Es war eiskalt. Die Böden sind beinhart gefroren. Gestern lugte die Quecksilbersäule das erste Mal wieder über die 0 Grad hinaus und es begann zu nieseln. Das Land verwandelte sich in eine gefährliche, eisige Rutschbahn.


Als ich heute Morgen die Laufschuhe schnüre, liegt eine dicke, blickdichte Nebeldecke auf dem Land. Ich habe Pompom und Arkadi an meiner Seite. Die beiden Schäferhund-Mischlinge rutschen auf den Pflastersteinen im Hof herum und merken schnell, dass es glatt ist. Mit ihren krallenbewehrten Pfoten ist das jedoch kein Problem für sie. Für mich allerdings schon.


Langsam und bedächtig spulen wir den ersten Kilometer in das ansteigende Tal ab. Es ist wie der Lauf in einem Topf voller Suppe. Es gibt absolut nichts zu sehen. Dafür hat es die Glätte nicht geschafft die Feldwege zu erobern. Ein Lichtblick. Es geht einen steilen Grasweg hinauf. Überall um uns herum ist es weiß, weiß und weiß. Sichtweite 50 Meter. Wir nehmen ein paar kleine Hügel, laufen dann wieder auf Asphalt ins Dorf hinab und danach wieder steil nach oben. Wir sind langsam, es ist anstrengend. Als wir uns den ersten echten Berg hinaufkämpfen, ist nur der Boden unter meinen Füßen zu erkennen. Der Himmel und der gesamte Rundumblick sind eine weiße Masse. Ich muss an Michael Endes Unendliche Geschichte denken. So muss es ausgesehen haben, als das Nichts auf Balthasar Bux zukam. Es ist surreal, wie in einer anderen Welt. Die hohe Luftfeuchtigkeit in Kombination mit der Kälte haben mittlerweile dafür gesorgt, dass sich bei Pompon und Arkadi weiße Eisränder um ihre Spitzohren gebildet haben. Lustig.


Kurze Zeit später verändert sich alles. Es geht noch einmal 50 Höhenmeter nach oben und ich erkenne jetzt, dass wir uns der Obergrenze dieser gigantischen Nebeldecke nähern. Lichtfinger wie scharfe Schwertklingen stechen durch den Nebel. Sie verwandeln den Boden und den Wald um mich herum von Grau in Bunt. Das geschieht in Sekundenschnelle. Ich laufe noch immer bergauf, spüre aber keine Anstrengung mehr. Vor mir beginnt die Herrschaft des Lichts. Durch den Nebel sehe ich den pulsierenden, grellen Sonnenball, umgeben von einem azurblauen Himmel. Ein Lächeln überzieht mein Gesicht. Der winterliche Wald vor mir verwandelt sich in atemberaubender Geschwindigkeit. Was eben noch verwaschen wirkte, wird jetzt glasklar und scharfkantig. Das Laub glänzt in einem warmen Braun, das dem Fell der Hunde zum Verwechseln ähnelt. Die beiden Hundegeschwister sind, umringt von Laubhaufen, kaum zu erkennen. Jeder Baumstamm strahlt im Licht und die gesamte Kulisse wirkt, als ob ein unbekannter, riesiger Künstler den gesamten Wald mit einem honigfarbenen Pinsel bestrichen hat. Obwohl ihre Äste keine Blätter mehr tragen, wirken die Bäume majestätisch schön. Noch ein paar Meter höher wird dann aus dem Honig Gold, so hart und klar scheint die Sonne jetzt durch. Ich verlangsame meine Schritte und genieße jeden Einzelnen von ihnen. Da ich keine Kamera dabeihabe, versuche ich jedes dieser Bilder um mich herum ganz fest in meinem Kopf zu speichern. Es ist gigantisch schön. Ein Gedanke bestimmt mein Denken: Ich laufe im Märchenwald!



Toben.


Auf dem nächsten Kilometer muss ich mich auf den Boden vor meinen Füßen konzentrieren. Zunächst hat eine Rotte Wildschweine den Waldweg in einen tief gefrorenen Morast-Pfad verwandelt. Danach waren Holzarbeiter zugange und ich muss über Dutzende von Stämmen springen. Verdammt gutes Training. Im strahlenden Sonnenschein erkenne ich jedes Hindernis und komme gut voran.


Anschließend geht es einen langen Abhang hinunter zum Ende meines Heimattals. Ich gebe jetzt Gas und merke, dass auch die Hunde diesen Lauf lieben. Sie fegen an mir vorbei, spielend schnappen sie einander und vermitteln absolute Lebensfreude.


Ich verlasse den Wald, biege auf den Talweg ein und bleibe stehen. Was ich da vor mir sehe, ist so fantastisch, dass ich in diesem Moment an alles Mögliche denke, aber an Laufen ganz bestimmt nicht.



Nebelbänke bestaunen.


Links von mir leuchtet das Grün der Wintersaat so satt und kräftig, als würde es mir den Frühling vorgaukeln wollen. Darüber strahlt ein Himmel in so einem tiefen Blau, dass es fast schon weh tut. Er überzieht den gesamten Horizont. Das zu sehen wärmt mir schon das Herz, aber es gibt noch viel mehr zu sehen. Der Weg vor mir fällt auf 3 Kilometern etwa 100 Höhenmeter ab. Einen Kilometer des Weges sehe ich wie auf einem perfekten Foto. Jeder Stein und jeder Strauch sind klar zu erkennen. Dann, von einem Meter auf den anderen, ist gar nichts mehr zu sehen. Dort steht eine weiße Wand, die Hundert Meter hoch ist und nach rechts und links bis zum Horizont reicht. Der Weg verschwindet in ihr, als wäre er abgeschnitten. Ich sehe jetzt über das Tal und das sieht aus, als wären eine Million Ladungen Watte von riesigen Lastwagen abgeladen worden. Über der Wand strahlt schieres Blau. So habe ich das noch nie gesehen. Ich laufe darauf zu und tatsächlich dringt mein Blick nicht durch diese Wand, auch nicht als ich nur noch 50 Meter von ihr entfernt bin. Zum zweiten Mal bei diesem Lauf denke ich an die Unendliche Geschichte.



Ausruhen.


Als ich in die weiße Wand hineinlaufe, verändert sich die Welt. Da wo eben noch rechts neben mir die Sonne am Himmel stand, entdecke ich jetzt durch den milchigen Nebel und die Kronen der Bäume auf dem Talhang, einen mindestens 1000 Watt starken Halogenstrahler, dessen runde Form klar abgegrenzt ist und an den Rändern wie in Flammen stehend wirkt. Ein ganz neues Outfit für die Sonne. Schon Hundert Meter weiter dringt ihr Licht schon nicht mehr durch die Nebeldecke. Lediglich ein diffuses, helles Schimmern ist noch zu erkennen.


Bis vor die Haustür sind jetzt wieder 50 Meter Sichtweite angesagt. Das weiße, kalte Nichts hat uns verschluckt. Doch die Erinnerungen an die Sonne, den Wald, das Blau des Himmels und die neben mir rennenden Hunde wärmen noch immer mein Herz…




Thomas Knackstedt