Schreiben und Lesen...

        

... das gehört zusammen wie gutes Training und ein schneller Wettkampf. Es muss aber nicht immer mit Laufen zu tun haben. Hier bekommt ihr jeweils eine Story angeboten, die sich ums Laufen dreht, oder auch nicht.



 


Sekundenruhm.


Es war ein milder Herbsttag, kurz nach dem Jahrtausendwechsel, wo mir eine Sekunde Ruhm zustand, von der ich zuvor nichts geahnt hatte. Andy Warhol war ja der Meinung, dass jeder von uns 15 Minuten Ruhm verdient, aber ich war mit dieser einen Sekunde schon sehr zufrieden. Vor allem, weil sie mit einer guten Geschichte verbunden war.


Ich war, und bin es noch immer, ein Läufer. Einer, der nach Jahrzehnten, in denen es keinen anderen Sport als Fußball gab, die Seiten gewechselt hat. Ich wollte laufen! Marathon laufen! Das klappte von Anfang an gut, und ich erlebte eine sportliche Welt, die ich nicht kannte. Ich wollte mehr. Vor allem aber wollte ich auch anderen Menschen zeigen, was Laufsport bedeuten kann. So lernte ich Sabine kennen.


Sabine ist die geborene Läuferin. Ich habe nie wieder einen Menschen kennengelernt, der über eine derartige physische Ausdauerfähigkeit verfügte. Sie war nicht superschnell, aber superausdauernd. Auf 10 Kilometern oder bei einem Halbmarathon konnte ich sie schlagen. Beim Marathon war allerdings Schluss. Auf der 100 Kilometer-Strecke hängte sie mich derart ab, dass es fast schon demütigend war. Wir trainierten zusammen, verbesserten uns und hatten im Laufen „unsere“ Sportart gefunden. Als sich Sabine verletzte und längere Zeit ausfiel, bastelten wir an einem Comeback. Das fand beim Köln Marathon statt.


Wir waren beide die Marathonstrecke schon unter drei Stunden gelaufen. Sabines Bestzeit war 2:53 Stunden, meine Bestzeit war 2:55 Stunden. Nach der langen Verletzungspause und einer ordentlichen Vorbereitung war klar: Wir wollten versuchen, wieder unter die drei Stunden zu kommen. Die Bedingungen waren gut, das Feld stark, unsere Motivation bestens. Also: Ran an den Speck.


Bei einem Marathonstart sieht es so aus, dass die eigentliche Zeit für das Rennen erst gestoppt wird, wenn man über den Start-Teppich gelaufen ist. Dann wird das Mess-System vom Lauf-Chip aktiviert. Die Endzeit wird genommen, wenn der Chip die Zielmatte passiert. Da bei so einem großen Event Tausende von Läufern starten, kann es allerdings ein paar Sekunden dauern, bis man über den Start-Teppich läuft. Der versierte Marathonläufer betätigt seine Stoppuhr erst, wenn er die Startlinie überläuft. So hat er die Netto-Zeit auf seiner Uhr. Nur die zählt nachher für den Wettkampf. Gesagt, getan. So liefen wir die 42.195 Kilometer an.


Ein Marathonlauf besteht aus zwei Hälften. Das ist jedenfalls meine bescheidene Meinung. Die erste Hälfte geht vom Start bis Kilometer 30. Die ist unspektakulär. Man hat viel trainiert und ein Dutzend Läufe über 30 Kilometer und mehr abgeleistet. Bei unserer Zielzeit sollten wir den Kilometer im Schnitt in 4:14 Minuten laufen. Das haben wir bis zum Erbrechen trainiert und das sollte bis zu Kilometer 30 problemlos funktionieren. Tut es das nicht, wird es beim Marathon kein Erfolgserlebnis geben. Aber Kilometer 30 bis ins Ziel findet Hälfte zwei des Marathons statt. Hier sind die Kohlehydrate verbrannt und der Körper geht an die schier unerschöpflichen Fett-Reserven. Auch dafür haben wir trainiert, aber für den Körper ist diese Energiegewinnung wesentlich anstrengender. Wer das nicht hinbekommt, lernt den „Mann mit dem Hammer“ kennen oder läuft gegen „die Wand.“ Schöne Umschreibungen für das Ende der körperlichen Leistungsfähigkeit beim Marathonlauf.



Wir liefen bis Kilometer 25 punktgenau auf unserer Marschroute. Dann verloren wir Zeit. Die Sekunden addierten sich zu wenigen Minuten. Bei Kilometer 30 waren wir ungefähr zwei Minuten im Verlust. Sabine sagte: „Ich bin noch nicht wieder so weit. Lass mich locker machen und lauf!“ Wir wissen genau, wie wir uns selbst einschätzen. Da gibt es nichts mehr zu diskutieren. Also lief ich los und gab Gas. Ich dachte in dem Moment nicht daran, die 3 Stunden Grenze zu knacken. Das war eigentlich schon passé.


Ich war gut drauf und lief durch das Feld, ohne großartig auf die Uhr zu schauen. Das tat ich erst wieder bei Kilometer 40. Um Sabine machte ich mir keine Sorgen. Sie wusste genau, wie sie ihren Lauf zu Ende bringen würde. Der Blick auf die Uhr zeigte mir eine Laufzeit von 2:51 Stunden an. Verdammt, da war ich, seit ich Sabine verlassen hatte, schneller geworden. Das merkte ich jetzt allerdings auch in meinen Beinen. Ich dachte: Wenn ich jetzt dieses Tempo durchhalte, könnte ich noch unter drei Stunden laufen. Wahnsinn! Also nahm ich die Beine in die Hand. Mein Kopf schaltete auf „Not-Lauf-Betrieb.“ Er kümmerte sich nur noch darum, die Füße so schnell und weit voreinander zu setzen, wie es noch ging. Ich lief, im sprichwörtlichen Sinne, um mein Leben.



Die Zielgerade zum Kölner Dom hinauf ist leicht ansteigend. Als ich den Zieleinlauf vor der Domplatte sah, war ich körperlich komplett am Limit. Die Zahlen der großen Uhr im Ziel sprangen gerade über die 3 Stunden und ich hatte nur noch ein paar Meter bis zum Ziel-Teppich. Ich starrte wie fasziniert auf die Zahlen und rannte, so schnell ich konnte. Im Ziel drückte ich die Stopp-Taste meiner Uhr und blieb wie angewurzelt stehen. Mein Atem ging so schnell, wie die Flügel eines Kolibris schlagen können. Ich war völlig fertig. Aus dem Augenwinkel schaute ich auf meine Uhr. Die zeigte 2:59:59 Stunden an. Ich vergewisserte mich noch einmal, ob ich auch nicht halluzinierte. Nein, genau diese Zeit wurde angezeigt. Jetzt konnte ich nur hoffen, dass die offizielle Zeit auch derjenigen entsprach, die meine Uhr anzeigte. Noch während ich darüber nachdachte, wurde mir unsagbar übel.


Ich musste ein paar Schritte gehen, um den Zieleinlauf frei zu machen. Ich konnte mich kaum auf den Beinen halten. Dann dachte ich: Verdammt, ich muss mich übergeben. Der nächste Gedanke war: Hier, direkt vor dem Kölner Dom? Was würde das für ein Bild abgeben? Ich sagte mir: Reiß dich zusammen. Ich ging ein paar Schritte und es wurde besser. Gott sei Dank. Mir fielen mehrere Steine vom Herzen. Jetzt setzte ich Schritt vor Schritt, wie ein Überlebender, der gerade ein Lazarett verlässt. Doch da wurde meine Aufmerksamkeit durch ein lautes Rufen und Geschrei vor mir beansprucht. Eine Gruppe von sieben oder acht junge Mädchen rannte auf mich zu und schrie wild und aufgeregt. Die Mädels schienen irgendwie in Ekstase zu sein. Ich dachte: Was ist jetzt los? Wissen die, dass ich die 3 Stunden um eine Sekunde unterboten habe? Sind die davon genau so begeistert wie ich? Oder ist das mein gerade neu gegründeter Fan-Club? Bin ich berühmt? Man weiß es nicht…


Noch während diese Gedanken durch meinen Kopf jagten, rauschten die Mädels auch schon an mir vorbei. Das ernüchterte mich schnell und komplett. Ich sah ihnen nach und erspähte Joey Kelly, der ein paar Minuten nach mir durchs Ziel gekommen war. Er wurde jetzt von den jungen Frauen umringt und freute sich nicht schlecht. Konnte ich verstehen. War es also nichts mit meinem Ruhm.


Später, als es mir wieder besser ging, und Sabine und ich bei einem Bier am Tisch saßen, bestätigte sich, dass ich den Marathon tatsächlich in 2:59:59 Stunden gelaufen war. Was für eine verrückte Geschichte. Die müsste man eigentlich aufschreiben. Gesagt, getan…



Thomas Knackstedt