Schreiben und Lesen...

        

... das gehört zusammen wie gutes Training und ein schneller Wettkampf. Es muss aber nicht immer mit Laufen zu tun haben. Hier bekommt ihr jeweils eine Story angeboten, die sich ums Laufen dreht, oder auch nicht.




Kalt

 

Nach einem warmen Sommer melden sich die ersten Vorboten des Herbstes. Sechs Grad Außentemperatur sind auf dem Rad nicht gerade schweißtreibend. Das Leinetal vor mir hat sich mit einer weißen, flauschigen Nebeldecke zugedeckt. Das gefällt mir. Ich mag es kalt.


Okay, es gibt Ausnahmen. Da auf der Dienststelle der Heißwasserboiler defekt ist, muss ich kalt duschen. Nicht so schön, aber auch nicht zu ändern.


Als ich mir einen heißen Tee genehmige sind die eisigen Wasserstrahlen schon vergessen. Die brütende Hitze der letzten Wochen ist verschwunden, jetzt ist Erfrischung angesagt. 


Wer mich kennt, der weiß: Ich bin ein Wintermensch. Da tut es weh, dass die letzten Winter nicht mal Minusgrade hatten. Für einen eiskalten Wintertag mit 10 Grad minus bei blauem Himmel tausche ich jeden Sommer-Strandtag ein. Doch mit der Einstellung bin ich ziemlich allein. 


Beim Frühstück mit den Kollegen sind es vor allem die weiblichen Exemplare der Gattung Mensch, die immer wieder Sätze fallen lassen wie: „Ist das heute kalt. Ich muss mir eine Jacke anziehen.“ Oder: „Wir müssen zuhause unbedingt die Heizung anstellen. Wenn es im Bad so kalt ist, nein das geht nicht.“ Ich wundere mich seit Jahrzehnten, warum Frauen so oft frieren. Sicher gibt es dafür wissenschaftliche Erklärungen. Mir fällt allerdings gerade keine ein. Also mache ich einen dummen Spruch. Das kann ich ziemlich gut: „Wenn alle Menschen Frauen wären, dann hätten wir niemals die Spitze der Nahrungskette erklommen. Eins sage ich euch: Zwar wird fast alles Unheil auf der Welt von jungen Männern inszeniert, aber in der Steinzeit haben wir auch im Winter gejagt. Wenn ich euch so höre, dann vermute ich, wären alle Menschen Frauen gewesen, hättet ihr die warme Höhle nie verlassen und wärt verhungert.“ Das war natürlich frauenfeindlich und sofort ernte ich einen verdienten, weiblichen Shitstorm. Na ja… 


Wenn ich die letzten Jahre Revue passieren lassen, verstehe ich kaum noch, wieso es deutsche Urlauber nach Spanien, in die Türkei oder nach Ägypten zieht. Irgendwie waren das für mich immer „Frostköddel-Urlaubsziele.“ Viel Sand, wenig Bäume, aber immer schön warm. Wenn mir meine Kollegen/innen immer von ihrem Hitzeurlaub vorschwärmten, schlug ich ihnen in schöner Regelmäßigkeit vor, nach Afrika zu ziehen. Da gäbe es jede Menge Platz für Menschen und man braucht nie heizen. Da scheint die Sonne von einem blauen Himmel und man schwitzt sogar beim Schlafen. Das müsste den meisten meiner Mitarbeiter doch gefallen. Aber nein, das wollen sie dann doch nicht. Dabei hätte das den schönen Nebeneffekt, dass hier bei uns, im verregneten, kalten Deutschland weniger Menschen wären und ich die wunderbaren Herbststürme viel besser genießen könnte.



Aber das sind Geschichten aus vergangenen Zeiten. Heute können wir alle hier bleiben. 40 Grad im Sommer kriegen wir mittlerweile auch hin und die Landschaften werden sich bald den südlichsten Regionen Europas angepasst haben. 


Ich bin fest davon überzeugt, dass es den meisten Menschen nicht gut tut, wenn ihnen die Sonne zu lange auf den Kopf scheint. Sie werden dann oft hektisch, aufgeregt und erregt. Tun Dinge, die nur schwer mit dem Verstand zu erklären sind. Ich stehe nicht auf diese heißblütigen Typen, mag es lieber nordisch kalt. Denn mit Kälte, da kenne ich mich aus. Dagegen kann ich etwas tun. Ich ziehe mir warme Sachen an, laufe in der eisigen Schneelandschaft und schaue meinen Atemwolken zu. Ich schiebe die Holzscheite in den Kamin und setze mich mit dem Hund davor. Wir spüren die wohlige Wärme auf Haut und Fell und sind glücklich. 


In der Sommerhitze liegen wir oft nur leichenstarr in der Ecke oder kämpfen erbittert um die besten Schattenplätze. Als Läufer gefällt es mir ohnehin nicht, wenn ich beim Laufen in den Feldern das Gefühl habe, als ob mein Gehirn im Schädel gebraten wird. Dann wird jeder Schritt zur Qual und ich spüre die einzelnen Sonnenstrahlen wie Nadelstiche, die prickelnd in meine Haut stechen. 


Ich werde ein Wintermensch bleiben. Sollen sie alle der Hitze hinterherlaufen. Demnächst werden Festzeiten auf all die zukommen, denen immer kalt ist. Die kriegen tropische Urlaube in Bottrop, Quickborn oder Hoyerswerda. Da werden Mücken, so groß wie Libellen durch die Luft fliegen, und wer am Sandstrand des Badesees liegt, kann sich vorstellen er wäre in Nizza. 


Wenn es soweit ist, werde ich vielleicht meine Sachen packen und nach Norden ziehen. Irgendwohin, wo man sich tatsächlich über einen Sommertag freuen kann, weil er eine Besonderheit ist. Da wird es oft regnen und eisige Winde werden mir eine Gänsehaut auf den Körper wehen. Ich werde mich an jedem Schritt erfreuen, der mich wärmt und meinen Körper durch eine eisige Landschaft bewegt. Vielleicht…



Thomas Knackstedt



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

01148011