Schreiben und Lesen...

        

... das gehört zusammen wie gutes Training und ein schneller Wettkampf. Es muss aber nicht immer mit Laufen zu tun haben. Hier bekommt ihr jeweils eine Story angeboten, die sich ums Laufen dreht, oder auch nicht.



 


Generation T.


Was gibt es nicht alles für einen Scheiß!? Bestimmte Geburtenjahrgänge nach Buchstaben einzuordnen halte ich für Schwachsinn. Aber: Wir Menschen stehen unglaublich darauf alles Mögliche in Karteikästen oder nummerierte Schachteln zu stecken. So durften wir uns eine Generation X, eine Generation Y, eine Generation Z oder eine Generation Alpha leisten. Was immer auch hinter diesen Buchstabenabkürzungen steckt. Diese Einkastelung soll jedem, der in einem bestimmten Jahreszeitraum geboren wurde einen Stempel aufdrücken. Nicht  unbedingt mein Ding.


Doch manchmal, wenn ich ein Bier oder einen Whisky zuviel getrunken habe, dann schwirren Generationsgedanken durch meinen Kopf. Dann denke ich: Da ist doch was dran! Ein Großteil der heute 30jährigen ist komplett anders, als ich das damals mit 30 war, oder? Ja, natürlich. Die Kinder heute sind überhaupt nicht mehr mit meinen Eltern vergleichbar, als die Kinder waren. Oft scheint mir, dass die Welt beim Drehen mächtig Fahrt aufgenommen hat. Dass sie sich schneller dreht als jemals zuvor. Alles verändert sich im Sekundentakt. Nur wenige Menschen schaffen es da mitzuhalten.  Vielen wird einfach nur schwindelig. Klimawandel, Me Too, Rassismus, das Patriarchat oder der Faschismus. Was ist gerade angesagt? Wo muss ich mit? Was kann ich vernachlässigen? Hat man sich dann gerade auf eine Linie „eingeschossen“ wird schon die nächste Sau durch den Ort getrieben. Wir sind chancenlos gegen die Veränderungen von Welt und Gesellschaft.


Dabei wollen immer mehr mitgehen mit der Welt. Auf Instagram, Facebook, Telegram oder sonst irgendeinem neuen heißen Scheiß will man dabei sein. Ganz vorn in der ersten Reihe. Immer am Ball, 24/7. Bei all dem Drumherum des Weltgeschehens passiert es dann ganz schnell, dass man sich selbst vergisst. Die Grundlage des eigenen Denkens und Handelns rückt irgendwo in den Hintergrund und all der plakative Mist, der im Netz oder den Medien in die Welt gehypt wird, kleistert einem den eigenen Verstand zu.


Wie komme ich darauf? Was hat mich angetrieben diesen kleinen Text zu schreiben? Das kann ich Ihnen sagen. Vor vierzig Jahren kannte ich keinen einzigen Menschen der zur Therapie ging. Vor dreißig Jahren war da schon mal jemand, der Probleme mit dem Trinken hatte oder sein eigenes Kind nicht auf den Arm nehmen konnte. In den letzten fünf Jahren haben sich die in Therapie befindlichen Menschen in meiner Umgebung rasant vermehrt. Es sind so viele wie nie zuvor. Ich hoffe nur, dass das nicht mit mir zusammenhängt. Wobei… wenn ich im Gespräch mit Freunden bin, ergeht ihnen das genau wie mir. Es scheinen immer mehr Menschen nicht mehr klar zu kommen mit dieser schnellen, schönen, neuen Welt. Viele gehen zu Boden und schaffen es nicht mehr aus eigener Kraft auf die Beine zu kommen. Ein Großteil der Jüngeren weiß nicht mehr, wie man die Zähne zusammenbeißt und durchhält. Für sie ist das, was wir als Durchhaltevermögen schätzten, eher eine Schwäche. Die Qualitäten eines Stehaufmännchens zählen heute nicht mehr. Wenn ich dann noch appelliere, sich zusammen zu reißen oder aufzusitzen und weiter zu reiten, bin ich ein ewig Gestriger, der nun wirklich gar nichts kapiert hat.


Was mir ebenfalls auffällt, ist die Zunahme von Menschen, die für jede Niederlage und Enttäuschung, die sie erleben, andere Menschen verantwortlich machen. Wenn ich denen zuhöre, denke ich, dass man bei allem was man tut scheitern MUSS. Wer sein Leben einigermaßen hinbekommt, hatte vermutlich nur unverschämtes Glück. Ich schüttele dann den Kopf und sage: Nein. Das stimmt nicht. Noch immer sind wir die Schmiede unseres Glücks. Wir können alles versuchen, dabei allerdings auch scheitern. Wie man mit diesem Scheitern umgeht, das unterscheidet die Schwachen von den Starken. Wer sich selbst in eine Opferrolle begibt, wird auch zum Opfer. Das ist jedenfalls meine Philosophie.



Viele sagen heute: Es ist gut, dass wir so schnell professionelle Hilfe suchen und uns therapieren lassen. Ist es das wirklich? Immer? Ich denke, da sind begründete Zweifel angesagt. Niemand wird die heilenden Möglichkeiten einer Therapie in Frage stellen. Allerdings sollten nur Menschen therapiert werden, die ein wirkliches Trauma erlitten haben. Das Ganze sollte nicht zu einer Art Lifestyle-Phase verkommen, die man durchmacht, um mitreden zu können. Es gibt Menschen, die waren nach den Sitzungen mit ihrem Therapeuten verwirrter als zuvor.


Vielleicht sollten wir mehr miteinander reden. Oder besser noch: Zuhören. Obwohl… es gibt mittlerweile eine bestimmte Sorte Mensch, mit der man nur sehr schwer ins Gespräch kommt. Die glaubt ganz fest daran, die einzig wahre Wahrheit zu kennen. Die sagt niemals „ich meine, ich denke, ich glaube“ sondern immer „Genau so ist es!“ Dabei sollten sie wissen, dass oftmals alles eine Frage der Perspektive ist. Vielen Menschen würde es schon helfen, wenn sie es schaffen würden, sich in das Gegenüber hinein zu versetzen. Doch wenn das eigene Ego schier grenzenlos ist, fällt das schwer.


Oft scheint dann nur noch professionelle Hilfe den Ausweg zu bringen. Für meinen Geschmack passiert das viel zu oft, viel zu schnell, viel zu früh. Oft nehmen Menschen anderen einen Therapieplatz weg, den diese viel nötiger hätten. Das sind dann aber oftmals Menschen, die sich eine Therapie gar nicht leisten können.


Ich bin gespannt, was nach der Generation T kommt. Wie geht es weiter? Wie entwickeln wir uns? Werden wir irgendwann wieder auf einfachere Strukturen zurückfallen oder wird es noch komplizierter. Mir selbst kann das relativ egal sein. Ich werde nur noch absehbare Zeit auf dieser sich immer schneller werdenden blauen Kugel sein. Der Rest der Menschheit sollte versuchen einfache Lösungen zu finden, um klar zu kommen. Nur sie werden uns helfen, letztendlich nicht komplett durchzudrehen…



Thomas Knackstedt



 

 

 

 

 

 

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