Schreiben und Lesen...

        

... das gehört zusammen wie gutes Training und ein schneller Wettkampf. Es muss aber nicht immer mit Laufen zu tun haben. Hier bekommt ihr jeweils eine Story angeboten, die sich ums Laufen dreht, oder auch nicht.



 


Uta

 

Ich weiß noch, wie ich sie das erste Mal sah. Jedenfalls bewusst und wirklich sah. Es gibt so Momente im Leben, die überraschen dich mit Bildern, die du nie wieder vergisst. Das war so ein Moment.

 

Die Liebe meines Lebens war jung und ich besuchte sie in ihrem Elternhaus. Ihr Vater Albert drückte mir mit dem Handschlag gleichzeitig eine leere Zigarettenschachtel in die Hand. Er fand das witzig, ich eher blöd. Aber na ja, die Geschmäcker sind halt verschieden.

 

Als ich ins Haus ging und vom Flur aus die Küche betrat, sah ich meine zukünftige Schwiegermutter Uta. Sie war auf dem Weg zu einem kleinen Garten hinter dem Haus. Direkt hinter ihr folgte ein… Schwein. Ja, ich traute meinen Augen kaum, aber da lief ein Schwein hinter einer Frau, so als wäre das Schwein ein Hund. Das machte mich neugierig. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, dass die Liebe meines Lebens in einer Familie aufwuchs, die früher Landwirtschaft betrieben hatte. Ich sollte noch einige Dinge zu sehen und zu hören bekommen, die völlig anders waren, als das Leben, das ich von meinem Zuhause kannte.

 

Da war zum Beispiel der Kühlschrank in der Küche. Nicht, dass ich nicht wusste, wie ein Kühlschrank aussah, aber einen Kühlschrank, der mit einem Vorhängeschloss versehen war, so etwas hatte ich noch nicht gesehen. Wie gesagt, ich war neugierig, also fragte ich nach. Albert sagte nur trocken: „Das ist wegen Ernst; meinem Vater. Im Kühlschrank steht meine Schnapsflasche. Wenn ich das Haus verlasse und der Kühlschrank nicht abgeschlossen ist, dann ist die Flasche schneller leer, als Du Piep sagen kannst.“ Ja, so ein Haushalt war das, in den ich da geraten war.

 

Dazu kam dieser Großvater Ernst. Nach eigenem Bekunden ein legendärer Kriegsheld. Nach Recherche in der Familie dann eher doch ein Drückeberger und Gernegroß mit Hang zu abenteuerlichen Geschichten und Freundschaften zu allem, was mehr als 40 Prozent Gewinn versprach.

 

Ich kann mich an einen Nachmittag erinnern, als ich mit der Familie der Liebe meines Lebens im Wohnzimmer saß und urplötzlich ein Höllenlärm auf der Diele losbrach. Eine Tür wurde geknallt, dann wurde irgendetwas scheppernd zu Boden befördert. Danach ein Rumpeln und Rummsen, als würde jemand mit voller Wucht gegen die Wände rennen. Anschließend Geräusche, die sich anhörten, als ob man auf allen Vieren eine Treppe hinauf kriecht. Ich saß kerzengerade auf meinem Stuhl und musste feststellen, dass sich der Rest der Menschen im Wohnzimmer überhaupt nicht rappelte. Hörten die das nicht? Waren die taub? Was war da draußen los? Einbrecher? Krieg? Ich entschied mich zu fragen: „Hört ihr das?“ Uta schaute von ihrer Tasse Kaffee auf und sagte: „Das ist Ernst. Der kommt aus der Kneipe. Das hört sich dann immer so an.“ Ach so, dachte ich. Daran werde ich mich noch gewöhnen müssen.

 

Uta war der Mittelpunkt in dieser Familie im riesengroßen Haus mitten im Dorf. Sie war ruhig, zentral, unauffällig und still. Trotz all dieser zurückhaltenden Eigenschaften wurde mir ziemlich schnell klar, dass sie es war, die den Laden am Laufen hielt. Es sind oft die Frauen, die genau das hinbekommen. Mittlerweile lebe ich in meiner eigenen Familie, in der das ganz genau so abläuft.

 

Wir fuhren zusammen in den Urlaub. Uta, Albert und unsere kleine, damals dreiköpfige Familie. Es ging nach Südtirol. Verdammt, was hatten wir für einen Spaß. Wir kraxelten auf die Berge, tranken Bier und Schnaps, suchten Pilze, verbrachten Abende bei Schlutzkrapfen und Nachmittage bei Strauben. Auf weit über 2000 Metern schubsten wir Kühe von den Wanderwegen und aßen auf Almhütten frischen, selbstgemachten Käse. Während Albert zumeist mit Einheimischen auf die Jagd ging, zogen Uta, Kathrin und ich durch die Alpen. Unseren kleinen Sohn Udo trug ich auf dem Rücken und unser Hund Troll war ein treuer Wegbegleiter, egal wohin es ging. Ich denke gern an diese Zeit zurück, die für mich noch immer das Gütesiegel „Unbeschwert“ trägt.

 

Jahre später beschwerte das Leben Uta. Zunächst starb Albert. Kurze Zeit später erhielt sie die Diagnose Parkinson. Von da an veränderte sich alles. Langsam, unscheinbar, kaum bemerkbar, aber doch in eine vom Schicksal vorgegebene Richtung.  Am Anfang lief es gut, es gab keinen Grund, sich Sorgen zu machen. Uta kam allein zurecht und die Krankheit war nicht mehr als eine weit entfernte Angst vor der Zukunft. Als wir nach Helgoland fuhren, um Uta dort in einer Spezialklinik auf die entsprechenden Medikamente einstellen zu lassen, konnte ich nicht glauben, was da passieren sollte. In der Klinik waren Menschen, die teilweise komplett hilflos waren. Die konnten weder eine Tasse noch einen Löffel zum Mund führen. Gegen diese Menschen war Uta das personifizierte, kerngesunde Leben. Ich spitzte allerdings die Ohren, als der Arzt, der uns durch die Klinik führte, sagte: „Es tut mir leid, ihnen das sagen zu müssen, aber: Da geht es hin.“ Dabei zeigte er auf einer Gruppe von Erkrankten, denen es wirklich sehr schlecht ging. Er sollte Recht behalten.

 

Doch bis dahin verbrachten wir noch ein paar Urlaube, die es in sich hatten. Mittlerweile mit zwei Kindern und zwei Hunden „bestückt“ hieß unser Urlaubsziel jetzt Dänemark. Uta war dabei.

 

Es gibt Tage im Leben, die unvergesslich sind. Die hält das Schicksal bereit, wie Bonustickets oder ein Glückslos. In Dänemark hatten wir einige von diesen Tagen. Tage, an denen der Geruch des Meeres und die Schreie der fliegenden Möwen für die Ewigkeit in unseren Gedanken gespeichert wurden.

 

Wenn wir uns von zu Hause auf den Weg zum Meer machten, war das ein Schauspiel der ganz besonderen Art. Ich weiß nicht, ob sich das heute noch jemand vorstellen kann: Drei Erwachsene, zwei Kinder, zwei Hunde(einer davon ein ziemlich großer Rottweiler) fahren für zwei Wochen nach Dänemark. Alle zusammen eingezwängt in einen 54 PS Opel Kadett Kombi-Zweitürer, der mehr Rost als Lack sein Eigen nannte. Auf dem Dach des Wagens ein zwei Mal ein Meter großer Dachgepäckträger komplett beladen und alle, auch noch so kleinen Lücken, mit Bierdosen vollgestopft. Wir sahen eher wie eine türkische Familie auf dem Autoput Richtung Familienbesuch aus, als wie deutsche Dänemarkurlauber.

 

Was waren das für wunderbare Tage. Spaziergänge am Meer. Spielende Kinder an endlosen Stränden. Besuche in dänischen Bäckereien, die wir mit Tüten voller Süßkram verließen. Abende mit einer Flasche Rotwein in den Dünen. Die Hunde zu unseren Füßen und der glutrote Sonnenball direkt vor uns, während er in einem atemberaubenden Farbenspiel im Meer versinkt. Wir entwickelten dort eine Meisterschaft in der Disziplin, die man leben nennt.

 

In einem dieser Urlaube machte sich Utas Krankheit bemerkbar; jedenfalls für mich. Ich hielt mich damals immer für einen ultrafitten, ziemlich harten Typen. Doch einmal legte mir Uta so richtig die Karten. Dabei spielte ihre Erkrankung eine nicht unwesentliche Rolle. Es war bereits Herbst und das Meer war eiskalt. 15 Grad luden nicht gerade zum Baden ein, aber: Uta wollte ins Wasser. Okay, was meine Schwiegermutter konnte, kann ich schon lange. Dachte ich. Ich habe es nicht halb so lange in den eiskalten Fluten ausgehalten wie sie. Danach, mit Gänsehaut und eiskalten Füßen, ab in die Sauna. Bei über 100 Grad wollte ich jetzt meine Belastbarkeit zeigen. Doch auch hier musste ich nach einer knappen halben Stunde die weiße Fahne schwingen. Uta schien all das nichts auszumachen. Später sagte sie mir, dass sie auf Grund ihrer Erkrankung Kälte und Hitze überhaupt nicht mehr richtig wahrnahm. Ich war von Anfang an chancenlos. Noch Jahre danach haben wir über diesen Heiß-Kalt-Wettbewerb gelacht.

 

So vergingen die Jahre. Das Schicksal zeigte noch einmal, dass es Uta nicht völlig hängen ließ. Für das Leid ihrer Krankheit gab es eine große, wunderbare Entschädigung. Sie lernte Friedel kennen; einen neuen, sehr verständnisvollen, Partner. Er hatte seine Partnerin ebenfalls schon an den Tod verloren. Friedel und Uta reisten zusammen und sahen sich die Welt an. Wir freuten uns diebisch darüber. Uta hatte dieses Glück so sehr verdient.


 

Am Ende wurde Utas Leben bitter. Der Weg führte von der häuslichen Betreuung direkt ins Heim. Utas Körper schaltete sich Stück für Stück ab. Das frustrierendste daran war, dass keiner etwas dagegen tun konnte. Wir wurden Beobachter eines Zweikampfes, bei dem von Anfang an feststand, dass Uta nicht gewinnen kann. Friedel hielt Uta die Treue. Einige Zeit später folgte er ihr ins Heim und starb noch vor ihr. Jetzt war Uta wieder ohne Partner. Gefesselt ans Bett, bewegungslos und eingesperrt im eigenen, nicht mehr funktionierenden Körper, waren die letzten Jahre die härteste Bewährungsprobe, die ein Mensch ertragen kann. Es dauerte viel zu lange, bis die Erlösung endlich kam. Als Uta starb wurde mir mit einem Schlag etwas klar, was mir vorher niemals aufgefallen war: Obwohl vom Ausbruch der Krankheit bis zum Tod über zwanzig Jahre vergangen waren, habe ich Uta nicht ein einziges Mal jammern gehört. Zudem hat sie es zeitlebens fertig gebracht, sich nicht ein einziges Mal mit mir zu streiten. Wenn ich so recht überlege, wer das bis heute noch geschafft hat, komme ich immer wieder zum gleichen Ergebnis: Keiner!

 

Was bleibt am Ende? Das Gefühl gelebt zu haben. Mitgemacht zu haben im aufregendsten Abenteuer der Menschheit: Dem eigenen Leben. Gelacht, getanzt, gesungen und geliebt zu haben. Rückschläge eingesteckt und Talsohlen verlassen zu haben. Kinder zu haben, die einem Liebe entgegen brachten und deren Gesichter dem eigenen so ähnlich sind. Nicht allein gewesen zu sein. Zu sterben ist keine Katastrophe. Nicht gelebt zu haben schon. Aber ich kann euch versichern: Uta hat gelebt. Ich war selbst dabei und habe es gesehen…

 


Thomas Knackstedt


 

 

 

 

 

 

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