Schreiben und Lesen...

        

... das gehört zusammen wie gutes Training und ein schneller Wettkampf. Es muss aber nicht immer mit Laufen zu tun haben. Hier bekommt ihr jeweils eine Story angeboten, die sich ums Laufen dreht, oder auch nicht.


 


Eine kleine Geschichte vom Geld.

 

2082. Bundeskanzleramt. Dringlichkeitssitzung der Resortgruppe Finanzministerium, Wirtschaftsministerium, Innenministerium. Teilnehmer: Frau Dr. Glübner-Brokelschmalz, Professor Eigenwind Südstein, Dipl. Fachwirt und PC Stratege Ingo Rechenstab, sowie Sicherheitsberater Bernd Hackbarth. Thema der Sitzung: Die Sicherheit im öffentlichen Zahlungsverkehr.

 

Mitte des 21. Jahrhunderts wurde die Lage ernst. Es gibt Entwicklungen, die beginnen verheißungsvoll. Bei denen glaubt man, dass sie die Lösung für alle Probleme sein können. Da ist man sicher, dass man die Kinderkrankheiten ausmerzt und sie perfekt macht. Aber irgendwann zerplatzen diese Träume in einem fast lautlosen, wenig begeisternden „Puff!“. Die Sache mit dem bargeldlosen Zahlungsverkehr war genau so eine zerplatzte Illusion.

 

Schon zum Jahrtausendwechsel wurde ein Großteil der Geldbewegungen nur über Konten und Bankbürgschaften abgewickelt. Irgendwann setzten sich dann die Scheckkarten durch und man zahlte größere Beträge nicht mehr bar und hob sein Geld mit der Karte von einem Automaten ab. Dann wurden die Bankgeschäfte komplett ins Internet verlegt. Irgendwann bezahlten die Menschen mit ihren Smartphones, ohne die sie keinen Schritt mehr auf die Straße setzten. Im Netz wurden Bitcoins, von denen bis heute kaum jemand weiß, was sie wirklich sind, zu einer Währung. Es gab die verheißungsvolle Hoffnung alle Geschäfte auf unserem blauen Planeten mit Nullen und Einsen eines Computercodes zu bewerkstelligen. Ich sagte ja schon… eine Illusion.

 

Am Anfang gab es Sicherheitsbedenken. Zu Recht. Musste sich früher schon jemand eine Waffe  besorgen und einen gefährlichen Überfall begehen; man wusste nie, wie sich die Opfer verhielten, wurde der „Gelddiebstahl“ in den späteren Jahren ein Kinderspiel. Am Anfang zahlten die Banken den Geschädigten von Hackerangriffen ihr Geld zurück. Schließlich wollte man die Personalkosten senken und einen besseren Schnitt machen. Doch irgendwann rechnete es sich nicht mehr. Als Hacker aus allen Herren Ländern feststellten, wie einfach man sich mit ein paar Mausklicks bereichern konnte, begann der Frontalangriff auf das „virtuelle Geld“ der Menschen.

 

Es gab Skandale und der Aufschrei auf dem Planeten war jedes Mal groß, aber je lauter er war, desto schneller verklang er auch. Firmen, die nur aus Briefkästen bestanden, wuchsen weltweit wie Pilze aus der Erde. Ein Geflecht aus Finanzverbindungen, so undurchaubar wie das Wetter im nächsten Jahr überzog den Planeten wie ein giftiger Pilz. Ganze Staaten lebten davon Geld zu waschen und den Superreichen Schlupflöcher zu bauen, durch die sie ihr Vermögen lotsen konnten ohne einen einzigen Cent Steuern zu zahlen. Das alte Lied von einer Hand voller Reicher, die immer reicher wurden, und Milliarden von Armen, die immer ärmer wurden, schaffte es noch immer auf Platz 1 der Charts.

 

Die Börse war schon Anfang des 21. Jahrhunderts ein Geldumschlagplatz von Hasardeuren und spielsüchtigen Oligarchen. Mitte des Jahrhunderts hatte sie sich zum einem irren Tollhaus von Spielcasino mit dem fadenscheinigen Anstrich eines Bankunternehmens verwandelt. Nur Verrückte und Idioten „verbrannten“ dort ihr Geld, aber: Wir alle waren zu diesen Idioten geworden, denn Alternativen gab es nicht. In den letzten Jahrzehnten wurde der „kleine Bürger“ mit geschickt eingefädelten Deals zwischen Wirtschaft und Politik geradezu genötigt seine Ersparnisse in das große Wettbüro Börse einzubringen. Für sein Erspartes gab es keine Zinsen mehr, im Gegenteil, der brave Bürger musste noch dafür zahlen, wenn er sein sauer verdientes Geld einer milliardenschweren Bank anvertraute.

Allerdings war die Chance, an der Börse sein Geld zu vermehren, nur ein leeres Versprechen der ganz Dicken an die Dünnen. Der „Ottonormalverbraucher“ verlor sein Geld so sicher, wie die Dicken immer fetter wurden.

 

Da waren wir also heute. Es war kein ausgeklügelter Banküberfall mehr nötig, um ein paar Millionen zu ergattern. Man sorgte einfach dafür, dass Zahlen auf einem Computer verschwanden und auf einem anderen wieder auftauchten. Voila! So einfach war das. Konnte man früher noch das Fluchtauto verfolgen oder die Spuren sichern, so gab es beides heute nicht mehr. Die Kohle war einfach weg.


 

Was im ganz großen Stil klappte, funktionierte auch im Kleinen. Die Computer waren nicht sicher, das Onlinebanking ein Witz. Jeder Hacker vom anderen Ende der Welt konnte sich bedienen. Es war eine Katastrophe. Geld war nicht mehr eine bewegliche, gegenständlich Sache, sondern nur noch ein Dateicode, der so imaginär war, wie das Aussehen eines schwarzen Lochs.

 

Genau dieses Szenario wurde besprochen. Bernd Hackbarth hatte seine Zukunftsvision der „neuen Sicherheit“ eingebracht. „Wir brauchen schnellere Rechner, bessere Prozessoren, ausgetüftelte Codeabfragen und Verschlüsselungssysteme, die vor jedem Angriff sicher sind.“ Das war sein Credo. Auf seine Ausführungen meldete sich Eigenwind Südstein zu Wort: „Ach, Herr Hackbarth, das ist doch die gleiche Nummer, die sie auch in den letzten Jahrzehnten schon gefahren haben. Und? Was ist passiert? Auf ihre neuen Hürden reagierten die Täter mit neuen Umwegen. Es ist ein Wettkampf, den wir auf diese Art und Weise nicht gewinnen können.“ Hackbarth erwiderte nichts, denn er wusste, dass Eigenwind Recht hatte.

 

Ingo Rechenstab kratzte sich am Kinn, ehe er seinen Redebeitrag präsentierte: „Wir müssen enger mit den Regierungen der anderen Länder zusammenarbeiten. Unsere Strafverfolgung endet zumeist an der Landesgrenze. Die Täter agieren global, jagen ihre Daten über zig weltweit verstreute Server und wir sind chancenlos, wenn wir sie aufspüren wollen. Ich bin mir relativ sicher, dass wir keine Lösung finden werden, um geschäftliche Transaktionen noch sicherer zu machen. Vielleicht müssen wir uns eingestehen, dass wir die Verluste durch Hacking einfach mit in unsere Rechnung einkalkulieren müssen.“

 

„Wie bitte?“ Bernd Hackbarth war außer sich. „Kapitulation vor dem organisierten Verbrechen? Niemals!“ Die Stimmung wurde hitzig, als sich Frau Dr. Glübner-Brokelschmalz mit ruhiger, fester Stimme, ins Gespräch einbrachte:

„Ich habe mir lange Gedanken gemacht, wie wir den Zahlungsverkehr sicherer machen könnten. Ich gebe ihnen Recht, Herr Rechenstab. Eine hundertprozentige Sicherheit wird es nicht geben. Niemals. Das war schon immer so und wird sich nicht ändern. Aber wir können versuchen, es so sicher wie möglich zu machen. Ich habe einen Plan…“

 

Die Gesichter der anderen Teilnehmer wurden interessiert Richtung Frau Dr. Glübner-Brokelschmalz gedreht. Als sie sich der ungeteilten Aufmerksamkeit aller Anwesenden sicher war, legte sie los: „Geld ist ja, und war es schon immer, eine Form von gegenständlicher Darstellung einer Arbeit oder Dienstleistung, die man erbracht hat. Vor Erfindung des Geldes herrschte der Tauschhandel. Du beteiligtest dich am Bau eines Hauses und bekamst dafür ein Schaf oder ein Stück Fleisch. Du führtest die Ziegen des Großgrundbesitzers auf die Weide und durftest dir dafür ein Brot aus dessen hauseigener Bäckerei holen. Irgendwann wurden die Werte der Dienstleistungen oder Arbeiten aber so hoch, dass Tauschgeschäfte schwierig wurden. So erfand man das Geld, das letztendlich nichts anderes als ein Tauschgeschäft simulierte. In diesem Sinne schlage ich vor, dass wir den Wert von Geld nicht mehr in Computerdateien von Bits und Bytes bestimmen, sondern in Gegenständen. Das könnten kleine Gegenstände aus Metall sein. Man könnte sie „Münzen“ nennen. Für eine bestimmte Geldmenge könnte eine ganz bestimmte Münze hergestellt werden, die so klein ist, dass sie jedermann in die Tasche stecken kann.“

 

Da gingen doch tatsächlich ein paar O’s und A’s durch den Raum. Der Gedanke von Frau Dr. Glübner-Brokelschmalz eröffnete neue Perspektiven und löste Begeisterung aus. Sie fuhr fort: „Bei großen Werten könnte man auch spezielles Papier oder ein ähnliches Material, mit Aufdrucken versehen, herstellen. Auch das in einer gut transportablen Größe. Jeder hätte sein Vermögen so immer bei sich. Das wäre praktisch.

Natürlich könnte es noch immer gestohlen werden. Aber jeder Besitzer könnte sich individuell schützen und vor allen Dingen wüsste er immer, wer ihm sein Geld gestohlen hat. Der Täter müsste zudem damit rechnen, dass er erkannt wird, oder dass der Besitzer des Geldes Gegenwehr leistet. Das wäre eine sehr hohe Hürde.“

 

Bernd Hackbarth klatschte in die Hände und rief „Brillant!“ aus. Ingo Rechenstab und Eigenwind Südstein klopften vor Begeisterung mit den Händen auf den Tisch.

 

„Um das Ganze zum Ende zu bringen“ setzte Frau Dr. Glübner-Brokelschmalz nach, „könnten wir stark abgesicherte, schwer aufzubrechende Gebäude herstellen und sie mit einer Art Sicherheitspersonal besetzen, die sie beschützen. In diesen Gebäuden könnte man Bargeld oder andere, wertvolle Sachen lagern, die den Menschen gegen Ausweisvorlage ausgehändigt werden. Bei großen Transaktionen könnten geschützte Transporte größere Geldmengen von einem dieser, ich würde sie Bankhäuser nennen, zum anderen bringen. Wie finden sie das?“

 

Die Begeisterung war grenzenlos. Zustimmung allenthalben. Wie hatte man sich nur so auf den Holzweg begeben können, ohne die einfache Lösung zu sehen?

 

Frau Dr. Glübner-Brokelschmalz, Professor Eigenwind Südstein, Dipl. Fachwirt und PC Stratege Ingo Rechenstab und Sicherheitsberater Bernd Hackbarth brachten die Idee in ihre Fraktionen ein und trieben einen Gesetzesentwurf voran.

 

Im Jahr 2090 war es dann soweit. Die Vereinigten Staaten von Europa führten das Bargeld ein. Auf der ersten Münze, die gedruckt wurde war das Gesicht von Frau Dr. Glübner-Brokelschmalz zu sehen. Eine Visionärin; ihrer Zeit weit voraus… 

                                        


Thomas Knackstedt



 

 

 

 

 

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