Schreiben und Lesen...

        

... das gehört zusammen wie gutes Training und ein schneller Wettkampf. Es muss aber nicht immer mit Laufen zu tun haben. Hier bekommt ihr jeweils eine Story angeboten, die sich ums Laufen dreht, oder auch nicht.


 


Klein

 

Termine, Termine, Termine. Ich bin ganz schlecht im Planen. Das ist nur eine meiner Schwächen. Es gibt viele davon. Aber: Ich bin trotzdem gut aufgestellt, denn ich habe Freunde. Da ist zum Beispiel SIE. SIE kümmert sich um alles, was ich nicht gebacken bekomme; also jede Menge Krams. Dann ist da noch meine „Internetzfreundin“ Waltraud. Nicht mehr die Jüngste, aber im Kopf ein Kind. Wenn es um Touren, Konzerte, Tickets oder Geschichten von mir geht, dann ist Waltraud ein lebender Karteikasten. Dieser „Karteikasten“ brachte uns zu dem Wolfgang Müller Konzert in dem kleinen Schloss.

 

Wolfgang Müller ist einer der größten Stars des Universums. Jedenfalls wenn man annimmt, dass das Universum meinen Horizont und den meiner Freunde umschließt. Wir lieben den Musiker aus Hamburg. So unverstellt, offen, ehrlich und pur sind nur wenige Künstler. Ich habe Müller auf einem kleinen Gig im Kasseler Schlachthof kennengelernt. Zusammen mit Yasmine Tourist lieferte er ein kleines, feines Konzert ab, das mich bis heute verändert hat.

 

Danach kamen mehrere Alben, die vielleicht keine finanziellen Erfolgsgeschichten waren, aber mein Leben mehr bereicherten als ein fünfstelliger Lottogewinn. So sehe ich das jedenfalls. Nach Kassel schauten wir Wolfgang Müller, wo immer wir ihn sehen konnten. Waltraud kam mit und knüpfte(natürlich) den Kontakt zum Künstler. Diese Frau ist so schmerzfrei direkt wie ich es niemals sein werde.

 

Als Waltraud mich anrief, überrannte sie mich sofort mit ihrer Spontaneität: „Wolfgang Müller spielt im Schloss Landestrost. Da müssen wir hin!“ Ach was. Ich ließ mir den Termin geben und antwortete: „Da sind wir in Wien und kommen gerade erst wieder nach Hause.“ Waltraud entgegnete: „Wann kommt ihr wieder?“ Ich sagte: „Unser Flieger landete um 16:50 Uhr in Hannover.“ Waltraud erwiderte: „Das passt!“ Damit war das Thema durch. Sie bestellte die Karten.


 

Vermutlich sind die Liebe meines Lebens und ich die einzigen Zuschauer eines Wolfgang Müller Konzertes, die per Flugzeug angereist sind. Der Flieger landete pünktlich und wir holten unseren Wagen ab. Danach fuhren wir die 20 Kilometer zum Schloss. Das passte nicht schlecht. Als wir in dem kleinen beschaulichen Ort ankamen, warteten Waltraud und Detlef mit dem Wagen auf dem Parkplatz hinter dem Rathaus auf uns. Die Heckklappe ihres Wagens war geöffnet und im Kofferraum war ein Picknick angerichtet. Verrückt. Ich stehe auf solche Dinge. Zwischen Eichen und Parkboxen schoben wir uns Brote, Wurst und Käse in den Mund. Dazu Bier und Brause. Perfekt! Kein Fünf Sterne Restaurant hätte das besser hinbekommen.

 

Das Schloss war nur einen Steinwurf entfernt. Der Saal klein und beschaulich. So etwas gefällt mir. Die Zahl der Zuschauer war überschaubar, die Akustik… na ja. Doch all das zählt nur wenig. Als die Band auf die Bühne kommt und Wolfgang Müller sich die Gitarre umhängt, wird es persönlich schön. Das neue Album hat jede Menge Charme und Wolfgang Müller wirkt menschlicher denn je. Hier und da vergisst er den Text, entschuldigt sich, und spielt Sekunden später schöner als zuvor. Auf einer kleinen Bühne ist das große Musik. Ich werde nie vergessen, wie ich Müller das erste Mal hörte und dachte: Wer spielt die zweite Gitarre? Es dauerte einen Moment, bis ich kapierte, dass Müller ein Virtuose auf der Gitarre war. Der Mann konnte spielen wie kaum ein Zweiter.

 

Nach ein paar Zugaben ist das Konzert zu Ende. Unsere Herzen sind warm und Zufriedenheit umhüllt uns wie eine warme Decke. Ich bin noch immer mit einer Überdosis Glück aus Wien infiziert und dieser Nachschlag war mehr, als ich erwartet habe. Nach und nach leert sich der Saal und als ich mich umsehe, stelle ich fest: Waltraud ist weg. Detlef stößt mich mit dem Ellbogen an und zeigt Richtung Ausgang. Da steht sie und hat Wolfgang Müller „am Wickel.“ Das war ja klar. Als sie sieht, dass ich zu ihr schaue, winkt sie mich heran. Zehn Sekunden später wird Wolfgang Müller Thomas Knackstedt vorgestellt und umgekehrt. Mir ist so etwas immer peinlich, aber schön ist es auch.

 

Wolfgang Müller ist ein extrem angenehmer Gesprächspartner. Der Mann ist nicht nur in seinen Texten intelligent, auch im Gespräch nimmt er mich schnell für sich ein. Da spüre ich eine Bodenhaftung, die ich mir manchmal für mich selbst wünschen würde. Künstler hin oder her, ich glaube, dass mein bescheidenes Beamtenleben wesentlich mehr Sicherheit verbreitet als das Leben eines Musikers. Wir reden über Musik, die Liebe, Wien, das Leben und was weiß ich nicht. Wir trinken ein Glas Wein und quatschen, bis die letzten Besucher verschwunden sind. Dann verabschieden wir uns.

 

Draußen leitet uns ein beleuchteter Weg zum Parkplatz und wir reden noch ein wenig über das Konzert, über Wolfgang Müller, über Waltrauds „Groupie-Kenntnisse“ und unser nächstes Wiedersehen.

 

Zehn Minuten später kutschiere ich die Liebe meines Lebens nach Hause. Im CD-Player dreht Wolfgang Müllers -Die sicherste Art zu reisen- seine Runden. Wir sind ziemlich weit weg von dem Ort, den wir Heimat nennen. Doch der Weg ist einfach. Wir fahren auf die Bundesstraße und bleiben 80 Kilometer in Richtung Süden auf ihr, ohne abzubiegen. Die Scheinwerfer unseres Wagens beleuchten dabei karges Land, Wiesen, Felder, die Innenstadt von Hannover und zum Schluss unser Haus.

 

Später sitzen wir auf dem Sofa und halten uns an den Händen. Bei einem Glas Wein lassen wir den Aufenthalt in Wien und das Konzert im Schloss Revue passieren. Für die meisten Menschen wäre beides vermutlich nichts Besonderes gewesen. In unserer kleinen Welt waren es Höhepunkte, die wir genossen haben. Wir wollen mehr davon. Viel, viel mehr…



Thomas Knackstedt




 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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