Schreiben und Lesen...

        

... das gehört zusammen wie gutes Training und ein schneller Wettkampf. Es muss aber nicht immer mit Laufen zu tun haben. Hier bekommt ihr jeweils eine Story angeboten, die sich ums Laufen dreht, oder auch nicht.





Der kleine Mann.


Wir haben jedes Jahr Dutzende dieser Einsätze. Streitigkeiten zwischen Nachbarn, die derart eskalieren, dass die Polizei anrücken muss. Zumeist ein absolutes Armutszeugnis für beide beteiligten Parteien. Nur leider merken die es nicht mehr, da sie so verbohrt in ihren Ansichten und Prinzipien stecken, dass der eigene Blick maximal noch bis zu den Schuhspitzen reicht.

 

Das arbeitet man ab und vergisst es wieder. Oft mit dem Gedanken: Hoffentlich werde ich niemals so! Doch es gibt auch Einsätze, die man nicht vergisst. Zum Beispiel diesen hier. Den mit dem kleinen Mann.

 

Keiner von uns hatte den Namen vom Kleinen Mann auf Tasche. Ein unbeschriebenes Blatt. Als Achim mir den Durchsuchungsbeschluss vor die Nase hielt, konnte ich mit keinem der Beteiligten etwas anfangen. Eine ältere Dame hatte Streit mit einem anderen Mieter im Haus. Der Mann hatte die alte Dame erst angeschrien, war dann weggerannt und mit einem Revolver in der Hand wieder aufgetaucht. Dann hat er der alten Dame gesagt, dass er sie abknallen wird, wenn sie nicht verschwindet. Ein ganz dickes Ding für unsere kleine Stadt. Die Dame zeigte das Ganze später an und Achim besorgte sich den Durchsuchungsbeschluss für die Wohnung des „Revolverhelden.“

 

15 Minuten später stehen wir vor der Tür. Wir klingeln Sturm, aber es öffnet niemand. Die Nachbarin hat uns bemerkt und spricht uns an: „Der ist zu Hause. Ich habe ihn vor ein paar Minuten gerade reingehen sehen. Der lässt sie nur nicht rein.“


So etwas hören wir gar nicht gern. Wir sind doch die Guten. Uns kann man ruhig reinlassen. Schließlich sind wir die Guten. Die Aussage der Dame reicht mir jedenfalls, um die Tür der Wohnung mit einem gezielten Tritt aus den Angeln zu heben. Achim und ich gehen in die Wohnung. Der Kollege mit dem Sprengstoffspürhund, den wir mitgenommen haben, wartet noch draußen.

 

Die Bude liegt im ersten Stock eines Altbaus. Der Flur, in den wir stolpern, ist mit Tausenden von Sachen vollgestellt. In den Zimmern sieht es nicht viel anders aus. Wir rufen laut: „Polizei! Ist jemand da? Polizei!“ Unsere lauten Rufe bleiben unerwidert. Achim nimmt sich die Küche, das Schlafzimmer und das Bad vor. Ich streife durch die Wohnstube, schaue auf den Balkon und inspiziere einen Lagerraum. Die Wohnung ist eine Art Müll-Museum. Man kann kaum einen Fuß vor den anderen setzen. Sachen über Sachen über Sachen. Es sind allerdings nicht nur Klamotten, die uns ins Auge stechen. Die Toilette ist ein Ort des Grauens. Aus dem total verstopften Klo sucht sich ein penetranter Gestank den Weg nach draußen. Das ist ganz hart an der Kotzgrenze.

 

Es scheint niemand zu Hause zu sein. Denke ich jedenfalls… bis ich Achims Stimme aus der Küche höre: „Was? Ich glaube es nicht! Kommen sie da raus! Aber schnell!“


Ich laufe die paar Meter zur Küche hinüber und sehe Achim, wie er mit dem Küchentisch spricht. Das macht mich stutzig. Doch dann sehe ich, dass unter dem Tisch, mit einem großen Laken, eine Art kleines Zelt aufgebaut ist. Aus diesem Zelt lugt die Nase eines kleinen Mannes nach draußen. Wie ein verstörtes kleines Häschen, das seinen Bau nicht verlassen will, starrt der Mann uns an. Erst als Achim ihm unmissverständlich klar macht, dass er herauskommen soll, klettert der Mann unter dem Tisch hervor. Er ist keine 150 Zentimeter groß und wirkt verwahrlost. Sollte das tatsächlich unser „Revolvermann“ sein?

 

Nach der Kontrolle des Ausweises ist alles klar. Wir haben „unseren“ Mann. Er ist mittlerweile nicht mehr ängstlich, sondern entrüstet. Was wir uns einbilden würden, seine Tür einzutreten. Achim fragt ihn nach der Waffe und er holt einen Schreckschussrevolver hinter der Couch hervor, der in seinen Armen so groß wie ein Artillerie-Geschütz wirkt. Achim nimmt ihm den Revolver ab und belehrt den Mann, dass er keine Aussage machen muss und auch einen Anwalt mit der Wahrnehmung seiner Interessen beauftragen kann. Der kleine Mann blickt ihn kopfschüttelnd an und schreit: „Ich will keinen Anwalt! Ich will, dass sie meine Mama anrufen! Meine Mama soll das regeln! Die wird ihnen schon zeigen, dass es so nicht geht!“ Ich denke, ich habe eine Audio-Vision oder so etwas Ähnliches. Hat der Typ eben wirklich gesagt, dass wir seine Mutter anrufen sollen? Ich meine, der Kerl ist über 40 Jahre alt. Als er seine Forderung wiederholt weiß ich sicher: Ich habe mich nicht verhört. Ich sehe in Achims Gesicht und da entgleisen gerade alle Gesichtszüge. Er dreht sich ab und ich höre nur noch ein prustendes Lachen, das er von sich gibt.

 

Ich übernehme den Part mit dem Anruf und tatsächlich meldet sich eine resolute Frauenstimme am anderen Ende der Leitung. Ich erkläre ihr, was los ist und sie sagt: „Ich bin sofort da. Warten sie bitte.“



Zehn Minuten später  ist die Mutter des kleinen Mannes da. Sie hat ihren Filius komplett unter der Fuchtel. Er spricht kein einziges Wort mehr mit uns und lässt seine Mutter die Formalitäten erledigen. Immer wieder weist sie ihn zurecht und verbietet ihm den Mund. Der kleine Mann nimmt jedes Wort seiner Mutter wie einen Befehl auf. Ich stehe nur daneben und bin baff. So etwas habe ich noch nicht erlebt. Und ich habe weiß Gott schon eine Menge Durchsuchungen hinter mir.

 

Als wir eine Viertelstunde später zum Streifenwagen gehen, höre ich Achim, mit verstellter schriller Stimme sagen: „Ich will, dass sie meine Mama anrufen!“ Er kriegt sich kaum ein vor Lachen. Das wirkt so ansteckend, dass ich einstimmen muss. Ich habe dieses Bild vor Augen, wie der kleine Mann mit dieser verdammt großen Pistole rumfuchtelt. Das macht es nicht besser. Als wir zurück zum Revier fahren ist mir klar: Diese Geschichte werde ich so schnell nicht vergessen…


 

Thomas Knackstedt

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

01111836