Schreiben und Lesen...

        

... das gehört zusammen wie gutes Training und ein schneller Wettkampf. Es muss aber nicht immer mit Laufen zu tun haben. Hier bekommt ihr jeweils eine Story angeboten, die sich ums Laufen dreht, oder auch nicht.


 


„Hoch die Hände! Wochenende!“

 

Das Kind ist vier Jahre alt und hat die Mentalität eines Kneipenschlägers. Ich werde aus diesem kleinen Stück Mensch nicht schlau und habe schon jetzt die Vermutung, dass sich das bis zu meinem Tod nicht ändern wird.

 

Jede Oma und jeder Opa redet über die eigenen Enkel, als ob sie die größen Attraktionen der Weltgeschichte wären. Obwohl der Planet von acht Milliarden viel zu schlauen Säugetieren der Sorte Mensch bevölkert ist, glauben wir etwas ganz Besonderes und Einzigartiges zu sein. Sicher… träum weiter, wenn du so einen Scheiß glaubst. Wir sind alles andere als brillante Originale. Sehr oft reicht unsere Einzigartigkeit nicht mal an ein Abziehbild heran. Aber in der eigenen Truppe, der Familie, dem Clan, da halten wir  zusammen, da sind wir sehr, sehr besonders.

 

Ich bin kein Idiot. Ich weiß, dass sich die meisten Menschen ähneln. Was allerdings nicht heißt, dass es keine Ausreißer gibt. Wenn ich Ella auch nur zehn Minuten beobachte, weiß ich, dass ich genau so einen Abweichler von der Normlinie vor mir habe. Dieses Kind ist seltsam. Es kann süß sein. Keine Frage. Aber die Laune der Madame kann sich innerhalb von Sekunden ändern. Ich habe ihr den Spitznamen „der Teufel“ verpasst. Ich weiß, dass ich damit nicht zu dick auftrage. Wenn das Kind einen schlechten Tag hat, heißt es, Land zu gewinnen. Was die Sache so unsagbar schwer macht ist dieser Dickschädel, der sich ganz oben auf dem Kind befindet. Ich habe nicht die geringste Ahnung, was im Gehirnkasten der Kleinen vor sich geht. Ich bezweifele allerdings, dass ein Computertomograph oder andere technische Geräte diese Dinge messen oder darstellen könnten.

 

Anna, die Mutter von Ella, war als Kind ein schwieriger Fall. Eigensinnig und mit einem Willen ausgestattet, der die Durchsetzuntgskraft eines Leopard Panzers hatte. Gegen Ellas Starrsinn erscheint dieser Panzer jedoch wie ein Papierflieger mit eingerissenem Flügel. Wenn das Gör etwas nicht will, ignoriert es einen. Tut einfach so, als hätte sie nicht gehört, oder fühlt sich nicht angesprochen. Dabei wechselt sie in eine eigene, für niemanden erreichbare, Welt. Fast so, als wäre die Enterprise mit einem Warp-Sprung aus dem Raum-Zeit-Kontinuum gehüpft. Wir sind dann jedes Mal so sprachlos wie überrascht.

 

Für einen Spruch ist unsere Jüngste immer gut. Egal, woher der auch kommen mag. So saßen wir eines Abends alle zusammen am Tisch und es herrschte gerade eine angenehme, sehr sanfte Stille. Die wurde von Ella unterbrochen, die ohne erkennbaren Zusammenhang sagte: „Fick Dein Leben!“ Da blieben Wurststückchen im Hals stecken und Bier wurde auf die Tischdecke geprustet. Für drei Sekunden war es still. Ella nutzte die Zeit, um sich freudestrahlend umzuschauen, die Wirkung ihrer Worte zu genießen und noch einmal zu sagen: „Fick Dein Leben!“ Auf Nachfrage, was das denn bedeutet, zuckt sie nur die Schultern und ihre ältere Schwester Lotta ruft dazwischen: „Ich weiß es! Ich weiß es!“ Wir fragen sie und ihre Antwort ist überzeugend: „Das heißt, dass man sein Leben fegen soll. Also immer alles sauber und in Ordnung halten.“ Ich wusste es schon immer. Sechsjährige können einem die Welt erklären.

 

Ella ist pragmatisch. Mögen sich andere Kleinkinder um eine Puppe streiten, in dem sie an Beinen und Armen hin und her ziehen. Ella zieht nur fünf Sekunden. Dann bekommt ihr Gegenüber einen Schwinger verpasst und die Puppe wandert in Ellas Arme. Hätte ich das nicht gesehen, ich hätte es nicht geglaubt.

 

Dann ist da noch ihre Verabschiedung aus der Realität. Die ist so spektakulär wie Angst einflößend. Bis Ella unsere Familie bereicherte, kannte ich so ein Verhalten nur aus dem Film „Rainman.“ Als wir eines Tages, im strahlenden Sonnenschein, auf einem Kreuzberger Spielplatz saßen und der Welt beim Drehen zuschauten, spielten Lotta und Ella im Sand. Irgendwann ging die Kleine drei Schritte zur Seite und zog sich selbst den Stecker raus. Ich habe so was noch nie gesehen. Sie blieb starr auf dem Fleck stehen und rührte sich nicht. Selbst die Augen blieben starr auf einen Punkt gerichtet. Ich schaute mir das zwei Minuten an und dachte: Lebt sie noch? Vermutlich, sonst würde sie ja umfallen. Urplötzlich war sie wieder da, hoppelte zum Sandkasten hinüber, setzte sich neben ihre Schwester und spielte weiter. Verrückt.

 

Jetzt sitzen Anna, Kathrin, Lotta, Tobi und ich am Frühstückstisch. Nach einer etwas zu kurzen Nacht und einem viel zu kurzen Abend am Küchentisch mit Musik, Gesprächen, Whisky und Wein, habe ich beim Russen Brötchen geholt und wir genießen heißen Kaffee und die fett mit Honig beschmierte Brötchen. Im Radio läuft The Tallest Man on Earth. Viel schöner kann ein Tag nicht beginnen.

 

Ich singe ein bisschen mit und die anderen lachen. Dann geht die Tür auf und Ella kommt herein. Hier, im Dicken B., heißt sie nur „The Special One.“ Die Musik gefällt ihr und zaubert ein Lächeln auf ihr Gesicht. Sie knutscht ihre Mama ab und setzt sich auf ihren Stuhl. Sie schnappt sich ein Croissant, schaut in die Runde und ruft lauthals: „Hoch die Hände! Wochenende!“ Ich mache mir fast in die Hose…


 

Wir stehen unsagbar darauf, wenn alles in Reih und Glied steht. Wir mögen Muster, die sich wiederholen. Wir hassen Überraschungen. Wir sind Menschen. Aber wenn mal ein Ausreißer dazwischen ist. einer, der alles auf den Kopf stellt, der stets Hott macht wenn Hüh angesagt ist, der aufsteht, wenn sich die anderen schlafen legen und grundsätzlich gegen den Strich bürstet, merken wir erst wie erfrischend und spannend das sein kann. Den Weg zu verlassen und ein wenig durchs Unterholz zu streifen, die Richtung zu ändern und zu spüren, wie sich der Wind dreht, kann einem die dunklen Schatten von der Seele pusten. Ich liebe das und hoffe, dass sich diese Dinge nicht so schnell ändern werden. Darauf können wir nur hoffen…   

                            


Thomas Knackstedt



 

 

 

 

 

 

 

 

 

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