Schreiben und Lesen...

        

... das gehört zusammen wie gutes Training und ein schneller Wettkampf. Es muss aber nicht immer mit Laufen zu tun haben. Hier bekommt ihr jeweils eine Story angeboten, die sich ums Laufen dreht, oder auch nicht.




Bittersüß


Arkadi hat sich den Teppich aus Sonnenstrahlen auf dem Balkon geschnappt. Sein kräftiger Körper liegt lang ausgestreckt an der lichtüberfluteten Wand und auf den warmen Steinen des Fußbodens. Die Frühlingssonne übt bereits für warme Sommertage. Ich hocke vor ihm und meine Hand streichelt das warme, weiche Fell des Hundes. Meine Finger kraulen die Fellfalte unter der Schnauze Arkadis. Das fühlt sich so samten und sanft an, dass es mich fast überwältigt. Ich kenne dieses Gefühl; ganz genau…

 

Den ersten Hund bekamen wir, als ich sechs Jahre alt war. Axel sollte ein Zwergpudel sein, aber die Sache mit dem Zwerg haute irgendwie nicht so richtig hin. Mein Bruder und ich liebten den Hund. Wir brachten ihm alles bei, was er nicht durfte. Axel konnte das Öffnen eines Milky Way Riegels durch die Wände mehrerer Zimmer wahrnehmen. Bis man das Papier von der Schokolade gepellt hatte, saß der schwarze, lockige Pudel schon bettelnd vor einem. Ein Naturtalent. Für meine Mutter war Axel nur der „Dorfbulle.“ Wenn irgendwo eine Hündin läufig war, konnte man auf Axel zählen. Dann war er unterwegs. Für uns Kinder war er der perfekte Spielkamerad. Als Axel im hohen Hundealter eingeschläfert wurde, war er auch der erste Hund, den ich auf dem Weg ins Jenseits bis an die Pforte begleiten musste. Niemand aus der Familie traute sich das zu. Für mich sollte dieser endgültige Trennungsschrift von einem geliebten Familienmitglied, denn genau das waren all unsere Hunde, bald zu einer Art Pflichtaufgabe werden. Eine Aufgabe, um die sich niemand reißt.

 

Nach Axel legten wir die erste Hundepause ein. Ich traf die Liebe meines Lebens und verabschiedete mich für acht Jahre aus der Heimat. Mein Schwiegervater, der zur Jagd ging, hatte zwei Hunde. Hassan, einen geruhsamen, unaufgeregten Deutsch Drahthaar Rüden und Ingo, einen aufgeweckten Pudelpointer, der alle Qualitäten eines Serienkillers besaß. Sie brachten uns über die Zeit ohne eigenen Hund. Dann kam Andor.

 

Der Hovawart war eine Art Versuchsobjekt für mich. Ich setzte diesen Versuch grandios in den Sand und machte einen Fehler nach dem anderen. Der ohnehin schon Grundstück bezogene Wachhund wurde durch eine Ausbildung im Schutzhundverein noch schärfer und kompromissloser. Meine Schuld. Am Ende mussten wir uns trennen, da ich für Andor nicht mehr die Hand ins Feuer legen konnte. Ich schäme mich noch heute für mein absolutes Versagen, das uns diesen Hund kostete…

 

Dann brachen sonnige Zeiten an. Troll rannte unser Leben über den Haufen. Der kleine Welpe arbeitete sich in einer Wollsocken-WG unter einem Rhabarberblatt hervor, um unsere Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Das gelang ihm mit Bravour. Troll war Ihr Hund. Ein treuer Wegbegleiter ohne jede Boshaftigkeit. Einen halben Hund hoch und eineinhalb Hunde lang, so beschrieb sie ihren „Schatten“ gern. Troll wurde unser drittes Kind und ein treuer Freund für unsere beiden Menschenkinder. Trolls Fell war ein weiches Wuschelkissen, in das man seine Hände nur all zu gern vergrub. Wenn ich die Augen schließe, kann ich dieses Fell noch immer zwischen meinen Fingerspitzen fühlen.

 

Troll sollte dann der Erzieher „meines“ Hundes werden. Wolf werde ich niemals vergessen. Nie zuvor hatte ich einen Hund an meiner Seite, der so auf mich fixiert war. Der große, muskulöse Rottweiler-Labrador Rüde, dem man den Labrador äußerlich nicht ansah, wurde zu meinem „Schatten.“ Wie habe ich dieses Kraftpaket geliebt. Wolf war stark wie ein Bär. Im Kampf um einen Stock, den ich in beiden Händen hielt, war ich chancenlos. Ein Zentner pures Leben steckte in diesem Hund. Bei seiner Größe und seinem Aussehen; jeder Mensch der Angst vor Hunden hat, hätte in ihm den Inbegriff dieser Angst erkannt, war er so friedlich und gutherzig wir man sich das als Hundebesitzer nur wünschen konnte. Obwohl Troll nur eine halbe Portion gegen Wolf war, gab er die Rolle des Chefs niemals ab. Wolf war bei mir, fast immer. Setzte ich mich, lag der Hund vor meinen Füßen, lag ich auf der Wiese hinter dem Haus legte er den Kopf auf meinen Bauch, rannte ich durch den Wald, sprang er in großen Sätzen voraus. Wenn ich die Hände unter seinen Kopf legte und die dicken Hautfalten an seinem Hals tätschelte, knurrte Wolf vor Behagen. Ich habe dieses Geräusch in meinem Kopf abgespeichert. Da werde ich es hören könne, wann immer ich will. Bis zu meinem Tod. Wie Wolf sich anfühlte ist in meinen Händen gespeichert. Ich habe dieses Gefühl bis heute nicht verloren und weiß nicht, warum das so ist. Ich bin dankbar dafür.

 

Troll beendet ein langes, glückliches Hundeleben bei uns. Wolf übernahm jetzt seine Rolle, um Frodo zu erziehen. Der kleine Mischlingshund, der eigentlich unserem Sohn gehören sollte, aber dann natürlich doch an uns „kleben“ blieb, war ein Unikum. Im Verhalten glich er mehr einem Fuchs als einem Hund. Wolf war sein Ein und Alles. Mit dem Hören hatte es Frodo nicht so sehr. An schlechten Tagen gab er einen verdammt guten Kläffer ab. Als Wolf uns verließ und ein riesiges Loch in unser Leben riss, blieb dieses kleine aufgeregte Fellbündel zurück und brachte uns hin und wieder an unsere Grenzen. Doch die Kinder liebten den Hund. Allein das zählte. Obwohl uns Frodo manchmal um den Schlaf brachte, weinten wir niemals mehr über den Tod eines Hundes als bei ihm. Dann kamen die Enkelkinder und wir wollten keinen Hund mehr. So war das. Die Geschichte hätte hier zu Ende sein können, ist sie aber nicht.

 

Wenn die Liebe meines Lebens sich etwas in den Kopf setzt, bin ich immer dafür. Auch wenn ich eigentlich dagegen bin. Die besten Entscheidungen in meinem Leben hat sie getroffen, nicht ich. Ich bin in ihren Armen gut aufgehoben und ihre Wünsche haben unser Leben bereichert. Jetzt wollte sie wieder einen Hund.

 

Sie suchte sich durchs Internet und die Tierheime. Ich sah mir das alles an und sagte: Nein! Die Faktenlage im Netz war unsicher, die Tierheime steckten voller Tiere, die aus dem Ausland geholt wurden. Nicht, dass diese Hunde nicht wunderbar sein konnten, aber ich wollte die Idee dahinter nicht unterstützen.

 

Dann hielt sie mir ein Angebot vor die Nase, bei dem ich hellhörig wurde. Auf einem Bauernhof, keine zehn Kilometer von uns entfernt, waren 10 Welpen geboren worden. Wir setzten uns ins Auto und fuhren los. Der Bauernhof gefiel mir, die Besitzer gefielen mir, der Schäferhundrüde und die Harzer Fuchs Hündin gefielen mir und die Welpen sowieso. Mich interessieren in solchen Momenten die Eltern mehr als die Welpen. Hier sah ich zwei große, selbstbewusste, ruhige Hunde. Handzahm, sicher, kräftig, bestimmt. Ein Glückstreffer. Noch während ich die erwachsenen Hunde bewunderte, hatte sich ein Welpe auf den Arm der Liebe meines Lebens verirrt. Ein Blick reichte aus, um zu wissen: Der wird zu uns gehören. So kamen wir zu Arkadi. An manchen Tagen klatscht einem das Schicksal eine dicke, fette Scheibe Glück auf das Leben. Das war so ein Tag…

 

Unsere Hunde waren auch immer Lesewesen. Troll und Frodo bezogen ihre Namen aus J.R.R.Tolkiens Herrn der Ringe. Wolf erhielt den Namen des ultimativen Beschützers aus Stephen Kings Talisman. Arkadi ist der unerschrockene Ermittler Renko aus Michael Cruz Smiths Gorki Park.


 

Jetzt liegt der Ermittler auf dem sonnenüberfluteten Balkon und ermittelt gar nichts. Er lässt sich streicheln und genießt das. Ich schenke ihm gern jede Streicheleinheit die er möchte. Ich weiß, dass er es mir mit Zinsen zurückzahlen wird. Er ist ein Hund. So wie alle seine Vorgänger. Wenn man diese Wesen gut behandelt, bieten sie einem etwas, was nur ganz wenige Menschen zu bieten haben. Er wird zu dir halten, egal was auch immer passiert. Du kannst komplett versagen, dich selbst enttäuschen und alles falsch machen. Dein Hund wird es dir verzeihen. Immer. Wenn sich alle von dir abwenden und mit dir nichts mehr zu tun haben wollen, wird er direkt neben dir stehen und dir in die Augen schauen. Mit diesem treuen, unverwechselbaren Hundeblick. Dieser Blick wird dir sagen: Was soll’s? Kopf hoch! Mach weiter! Lass uns spielen, oder laufen, oder ein bisschen kuscheln. Ich bin für dich da!

All das wird dein Hund für dich tun. Gern und mit jeder Menge Enthusiasmus. Vor allem aber ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Wenn es doch mehr solcher Menschen gäbe…

 

Ich habe all diese Hunde geliebt. Wenn sie in unser Leben traten, dachte ich immer daran, dass sie vermutlich vor mir sterben würden. Jeder Abschied war unglaublich schwer, traurig und erschütternd. Im Vergleich zu der Freude, die diese Hunde in unser Leben gebracht haben, waren die Abschiede jedoch nicht mehr als die Einhaltung eines Naturgesetzes: Niemand lebt ewig!

    

Jetzt streichele ich Arkadi, der sich in der Sonne räkelt. Ich zerzause sein Fell und freue mich, wenn er spielerisch mit seinem Zähnen nach meinen Fingern schnappt. So scharf und gefährlich diese Zähne auch sind, so vorsichtig und behutsam setzt Arkadi sie ein. Er weiß, dass er zu uns gehört. Er ist Familie, so wie all seine Vorgänger. Nicht mehr, vor allem aber nicht weniger…

 



Thomas Knackstedt



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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