Schreiben und Lesen...

        

... das gehört zusammen wie gutes Training und ein schneller Wettkampf. Es muss aber nicht immer mit Laufen zu tun haben. Hier bekommt ihr jeweils eine Story angeboten, die sich ums Laufen dreht, oder auch nicht.




Wohin mit dem Hass?


Das Thema ist alles andere als neu. Jochen Distelmeyer hat ihm einen Song gewidmet, an den ich in diesen Tagen oft denke. Die sozialen Netzwerke quellen über vor Wut, Hass und Niedertracht. Nie war es für Menschen einfacher zu hetzen und zu beleidigen als heute. Am besten anonym, unter der Gürtellinie, böse und verletzend.

 

Es kann schick sein, eine bestimmte Strömung zu unterstützen, egal wie sehr sie auch aus dem Kontext gerissen ist. Es gibt Themen, die können, ja die dürfen gar nicht nachdenklich oder zweifelhaft besetzt werden. Doch Sprache ist ein scharfes Schwert. Vielleicht das Schärfste überhaupt. Sie kann Verletzungen beibringen, die nie wieder heilen.

 

Es ist immer einfach ein einzelnes Ereignis zu nehmen und es auf das gesamte Thema umzumünzen. So kann ein schwarzes Schaf dafür sorgen, dass die gesamte Herde geschlachtet wird. Es kommt nicht darauf an, ob das Sinn macht oder nicht, ob es richtig ist oder falsch. Hass ist ein großer Gleichmacher. Ein „Alles über einen Kamm-Scherer.“

 

Die Nazis haben ihren Hass auf die Juden fokussiert, die Hutus ließen ihrem Hass gegen die Tutsis freien Lauf. In Myanmar explodierte der Hass gegen die Rohingyas und im frühen Amerika war nur ein toter Indianer ein guter Indianer. Uns Europäern sind die großen Kriegsschauplätze Gott sei Dank in den letzten Jahrzehnten abhanden gekommen. Aber der Hass in jedem einzelnen von uns, der ist immer noch da. Er sucht nach einem Weg, sich Bahn zu brechen und findet ihn fast immer.

 

In den Achtziger und Neunziger Jahren war ich auf vielen Großdemonstrationen als Polizist dabei. Was ich da an Hass verspürte war eine einzigartige, niederschmetternde Erfahrung. Wildfremde Menschen, die weder wussten wer ich bin, noch wie mein innerer Kompass eingestellt war, hassten mich wie die Pest. Allein wegen der Uniform die ich trug. Ich selbst hätte bei den körperlichen Auseinandersetzungen rund um Gorleben oder während der Chaostage auf alles eingeschlagen, was sich mir auch nur auf Armeslänge genähert hat; so viel Angst hatte ich. Demonstranten und Ordnungshüter lieferten sich Duelle wie wilde Tiere, die um Leben oder Tod kämpften. Wenn ich heute, im Rückblick, sehe was aus den Themen geworden ist, die uns so wild und ungerecht machten, muss ich fast lachen. Die Zeit hat sie überholt, überrollt oder vergessen gemacht. Wer weiß heute noch wofür die RAF gekämpft hat? Wer hat noch Ahnung von den Bremer Straßenbahnkrawallen? Es sind nicht mehr als Randnotizen der Geschichte.

 

Doch die Geschichte, die geht immer weiter. Heute kann der Hass ganze Fußballstadien füllen. Da werden Kriege in schicken Sportartikeln von hochbezahlten Legionären auf dem Grünen Rasen geführt. Da tobt die Menge, wie seinerzeit im Kolosseum. Wer das falsche Trikot anhat, ist der Feind. Der Inhalt des Trikots ist dabei völlig nebensächlich.

 

Im Moment konzentrieren Teile der Gesellschaft ihren Hass auf meinen Beruf. Da werden in Amerika Menschen bei Polizeieinsätzen getötet und urplötzlich finde ich mich auf der Anklagebank wieder. Nicht etwa, weil ich irgendetwas getan hätte, was ein Gesetz gebrochen hätte, nein, sondern weil ich Polizist bin. Das reicht! Die Rechten und Erzkonservativen scheren jeden Flüchtling über einen Kamm. Die Linken und Regimekritiker scheren uns Polizisten über genau diesen Kamm. Das ganze Menschen- und Berufsgruppen unter Generalverdacht gestellt werden ist ungerecht, nicht haltbar und falsch. Punkt! Doch wen interessiert es…


 

Ich muss mich für meinen Beruf rechtfertigen, weil einzelne Polizisten in Amerika Fehler machen, die ich bisher noch nicht gemacht habe. Ich werde von Menschen verbal angegriffen, die mich nicht kennen und nichts von mir wissen. Die dürfen schreiben, dass ich ein Nazi bin. Das ich korrupt bin. Das ich kein Mensch bin. Ich weiß, dass ich das hinnehmen muss. Pressefreiheit ist ein hohes Gut, zu Recht. Aber dass ich in meinem eigenen Umfeld plötzlich merke, dass da Menschen sind, die leise Zweifel an der Rechtschaffenheit unserer Polizei haben, wundert mich schon. Fast 90 Prozent der Bevölkerung in unserem Land bringen der Polizei absolutes Vertrauen entgegen. Doch diese große Mehrheit ist im Gegensatz zu der restlichen, kleinen, aber sehr laut schreienden Minderheit, still. Diese Mehrheit trägt weit weniger Hass in sich, als die Minderheit.

 

Ich darf mich wehren. Vielleicht muss ich das sogar. Mit Worten. Nicht anders. Auch wenn diejenigen, für die ich nur ein „Bulle“ ein „Stück Müll“ oder ein „willfähriger, willenloser Staatsdiener“ bin, mir verbieten wollen Kritik an ihrer Minderheit zu üben. Ich muss an den Satz denken, den ich in den letzten Wochen oft gehört habe: „Wie kann ein weißer Mann es wagen Kritik an einer Frau mit Migrationshintergrund zu üben?“ Der machte mich sprachlos. Ein weißer Mann, ein schwarzer Mann, ein roter Mann, eine braune Frau, Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, mit und ohne Behinderung, egal welche Religion sie ausüben oder welche Ansichten sie vertreten, sind GLEICH! So sieht das jedenfalls in meinem Grundgesetz aus. Niemand darf ohne Grund benachteiligt werden, aber Bonuspunkte werden ohne Grund auch nicht verteilt. Anders kann Demokratie nicht funktionieren.

 

Für mich ist nur eines in diesen Tagen wichtig: Dem Hass nicht zu erliegen. Sprichwörtlich zu versuchen die linke Wange hinzuhalten, wenn einem auf die rechte geschlagen wird. Das ist unsagbar schwierig, aber eine der ganz wenigen Möglichkeiten den Hass nicht in sein Herz zu lassen. Denn Hass, den gibt es schon genug…



Thomas Knackstedt



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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