Schreiben und Lesen...

        

... das gehört zusammen wie gutes Training und ein schneller Wettkampf. Es muss aber nicht immer mit Laufen zu tun haben. Hier bekommt ihr jeweils eine Story angeboten, die sich ums Laufen dreht, oder auch nicht.





Paradies

 

Es gibt sie einfach. Tage, die gut laufen. Die weder Stress noch Unstimmigkeiten produzieren. Die das Leben schlicht und einfach abbilden. Da sein, Spaß haben, sich unbeschwert und frei fühlen.

 

Wir pellen uns um 7 Uhr aus den Betten. Für einen Samstag ganz schön früh, aber heute lässt es sich nicht verhindern. Ella wird eingeschult. Großes Kino für ein kleines Kind. Natürlich muss da die ganze Familie am Start sein. Alles andere wäre unpassend. Wir schieben uns ein Brötchen in den Mund und trinken Kaffee. Ich will meinen Anzug anziehen, darf aber nicht. Overdressed! Mist, ich hatte mich drauf gefreut.

 

Eine Stunde später stehen wir vor der Kirche. Da war ich auch lange nicht mehr. Der Platz vor dem Eingangsportal ist voller Menschen. Ich kenne sogar ein paar Gesichter. Das ist eher selten. Die Kirche ist rappelvoll. Wir sitzen auf den oberen Rängen. Das Programm, das geboten wird, ist nicht unbedingt kreativ. Die Verantwortlichen geben sich Mühe, aber irgendwie zünden die Ideen nicht. Was mich am meisten stört, sind die vielen Erwachsenen, die ständig quatschen und herumlaufen. Ich denke an meinen Konfirmationsunterricht vor 45 Jahren zurück. Pastor Breuker hätte den ganzen Haufen zusammengeschissen und zur Ruhe ermahnt. Irgendwie wünschte ich mir das jetzt auch. So singen und beten wir und das Hintergrundrauschen der Plappermäuler geht mir auf den Keks.

 

Kurz vor dem Ende der Messe sehe ich ein Tagpfauenauge, das vor dem großen Bleiglasfenster der Kirche herumflattert. Ohne Hilfe wird es hier nicht herauskommen. Ganz vorsichtig greife ich nach dem Schmetterling und nehme ihn in meine geschlossene Hand. Ich gehe nach unten und vor die Kirche. Als ich meine Hand öffne, fliegt das Pfauenauge nicht davon, sondern bleibt auf meiner Hand sitzen. Die Menschen vor der Kirche starren mich an und ich fühle mich wie der Mittelpunkt eines kleinen Wunders. Ich gehe zwanzig Meter bis auf den Rasen vor der Kirche. Erst dort hebt der kleine Flieger ab und verschwindet im Blau des Himmels.



Wir gehen zur Schule hinüber. Die Wege sind kurz. Ella trägt ihre große Schultüte und ich ziehe sie auf, dass sie von den Süßigkeiten darin heute nichts bekommen wird. Die Kleine gibt mir Kontra und wir lachen.


Die Turnhalle der Schule ist restlos überfüllt. So bleibe ich draußen und sehe mich ein wenig um. Lotta und Thea kaufen sich eine Waffel und ich kann ein paar schöne Fotos schießen. Hai Yen macht es ihrer Tochter Thea nach und „pudert“ sich das Gesicht mit dem Puderzucker der Waffel.

 

Nach der Schulzeremonie gehen die Erstklässer mit ihren Lehrern in die Klassen. Wir dürfen nicht mit. Danach ist der Fototermin plus Schultüte angesagt. Die Kinder sind stolz wie Bolle und die Eltern würden am liebsten jedes Kind fotogerecht zurechtsetzen. Sie schreien Anweisungen und merken nicht, wie peinlich das ist. Vermutlich kommen sie mit dem natürlichen Moment einer Schulklasse, die sich freut und zusammenhockt, nicht klar. Besser, wenn alles irgendwie inszeniert wird.

 


Wir rauschen Richtung Kaierde ab. Die alte Bäckerei, die Anna und Tobi gekauft haben, wartet auf uns. Ich liebe dieses Haus. Immer wenn ich es betrete, höre ich eine Stimme, die niemand sonst hören kann. Sie sagt: Komm herein! Fühl dich wohl! Du bist willkommen! Das war vor 50 Jahren schon so und hat sich bis heute nicht geändert.

 

In der alten Backstube steht ein Kuchenbuffet. Zusammen mit heißem, schwarzem Kaffee und dem leckeren Kuchen machen wir es uns im Garten bequem. Es ist nicht zu kalt und nicht zu heiß. Eine leichte Brise weht. Überall um uns herum ist es grün. Ella packt zusammen mit den anderen Kindern ihre Geschenke aus. Es sind jede Menge Menschen da, die ich mag. All das fühlt sich unheimlich gut an. Die Kinder stopfen sich mit Süßigkeiten voll und Tims Hund Manni gibt den großen Abstauber. Der große schwarze Hund schenkt jedem Menschen, der etwas zu essen in der Hand hat, seine allergrößte Aufmerksamkeit.

 

Tobi hat Reggae Musik aufgelegt. Nicht unbedingt meine Art Musik, aber als dazwischen ein alter T.Rex Song erklingt, stimmt mich das zufrieden. Der kleine Ho spielt mit Tobi Fußball und die geballte Energie von vier Lebensjahren lässt den Ball wie eine Rakete durch den Garten fliegen. Die Menschen haben sich im Garten verteilt und reden. Das gefällt mir. Ich denke so ein bisschen an Peter Fox’s Haus am See. Zusammen mit meiner Mutter, den Kindern und Enkelkindern hier zusammen zu sitzen ist ein Geschenk.

 

Die Zeit verfliegt im Nu. Die Kuchenplatten sind geräubert worden und werden jetzt durch Salate, Brot und andere Leckereien ersetzt. Im Garten hat Tobi ein Feuer entzündet und Anna holt eine Rutsche Forellen aus der Küche. Der selbstgebaute „Fischofen“ ist ein voller Erfolg. Innerhalb von 10 Minuten sind die Fische gut durchgebraten und nebenbei ist noch genug Hitze da, um unwiderstehliches Stockbrot zu rösten. Schade, dass man irgendwann einfach nichts mehr in den Magen hineinbekommt. Wobei… das gilt nur für uns. Ella scheint ein schwarzes Loch im Bauch zu haben. Brote, Kuchen, Fisch, Süßigkeiten und Salate, alles verschwindet in der kleinen Fressmaschine und scheint sich in Nichts aufzulösen. Allerdings muss ich erkennen, dass Ella nach all dem Essen ein richtig pralles Bäuchlein aufzuweisen hat. Verrückt.

 

Die Kinder sind selig. Sie haben ihre Alltagssachen gegen Schlafanzüge getauscht und flitzen barfuss durch den Garten. Manni hinterher. Er weiß genau, dass es sich immer lohnt, bei den Kindern zu sein, wenn sie Stockbrot machen. Mir hat er schließlich auch schon einige Brocken abgebettelt.


 

Als sich die Dämmerung breit macht, steuert die Einschulungsfeier ihrem Ende entgegen. Es war ein wunderschöner Tag. Einer, den man sich einrahmen sollte. Der mir wieder gezeigt hat, dass Familie doch etwas anderes ist, als Freundschaft. Ich habe jede Minute genossen und war vor allem darüber glücklich, dass ich den Anschein hatte, dass es den anderen Menschen um mich herum genau so erging.

 

Die Kinder sind komplett abgespielt und werden vermutlich besinnungslos ins Bett fallen. Ella steckt mir noch mal die Zunge raus und ich zahle mit gleicher Münze zurück. Die kleine Göre ist ziemlich frech.

 

Bevor wir gehen, werden alle Anwesenden noch einmal in den Arm genommen. Warm, herzlich und vor allem ehrlich. Ich mochte das früher nie, heute möchte ich um nichts auf der Welt darauf verzichten. Warum? Ich habe keine Ahnung. Auf dem Heimweg denke ich noch: So könnte das Paradies sein. Wenn schon ein Leben nach dem Tod, dann bitte so. Schauen wir mal, wie das wird… 

   

      

Thomas Knackstedt

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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