Schreiben und Lesen...

        

... das gehört zusammen wie gutes Training und ein schneller Wettkampf. Es muss aber nicht immer mit Laufen zu tun haben. Hier bekommt ihr jeweils eine Story angeboten, die sich ums Laufen dreht, oder auch nicht.





Tod 


Wenn er kommt, ist nichts mehr so, wie es war. Egal, wie sehr Du einen Menschen liebst, ihn festhalten und nie mehr verlieren möchtest; wenn der Tod seine Finger nach ihm ausstreckt, wirst Du mit leeren Händen dastehen.

 

Es ist diese grenzenlose Ohnmacht, die uns den Tod fürchten lässt. Es ist nicht die Angst vor ihm, oder die vielleicht zu erwartenden Schmerzen und Qualen, die er uns bereiten kann. Der große Gleichmacher sorgt eher dafür, dass wir unserer eigenen Sterblichkeit bewusst werden. Der Gedanke, dass wir dann nicht mehr da sind, nichts fühlen, nichts spüren, es einfach nichts mehr gibt, treibt uns fast in den Wahnsinn. Keiner von uns ist auch nur ansatzweise in der Lage dazu, sich dass große Nichts vorzustellen.

 

Ich habe gerade ein Familienmitglied verloren. Eine schwere Krebskrankheit, ein Krankenhausaufenthalt, Sorgen, Hoffnungen, Zuversicht, Frustration und am Ende nur noch grenzenlose Trauer. Er hat den Kampf gegen den Krebs verloren, werden die Menschen sagen. Wobei… wenn man den Krebs schon als eigenständiges Wesen ansieht, gegen das man kämpft, dann kann man eigentlich nicht verlieren. Überlebst du, hast du gewonnen. Stirbst du, stirbt auch der Krebs. Für mich wäre das dann ein Unentschieden. Doch das macht die Sache nicht besser. Auch wir mussten feststellen, dass wir, obwohl wir seit Monaten auf den Tod vorbereitet waren, letztendlich doch einen Schlag in die Magengrube erhielten, als der Anruf kam, der den Tod verkündete.

 

Die Aussicht auf den unausweichlichen Tod ist die größte Antriebskraft für unsere Lebensfreude. Hört sich verrückt an, stimmt aber. Ohne den Tod wäre das Leben keinen Pfifferling wert. Der Tod macht Jahre, Monate, Wochen, Tage und Stunden zu den kostbarsten Gütern, die wir besitzen. Zehn Minuten zu leben ist deutlich mehr wert, als der Besitz einer teuren Patek Philippe Uhr. Wer das erkennt, der weiß, wie man sein Leben leben muss.

 

Aber es funktioniert auch andersherum. Was wäre der Tod ohne das Leben? Nichts! Er wäre arbeitslos und der Lächerlichkeit Preis gegeben. Ein Henker, dem niemals ein zum Tode Verurteilter zugeführt würde. Was für eine Lachnummer. 

 

Wir sind nicht gern chancenlos. Keiner von uns. Der Tod verkörpert genau diese Chancenlosigkeit, die wir so sehr hassen. Und obwohl wir kaum etwas negativer bewerten können als den Tod, so begrüßen wir ihn manchmal auch. Das ist ziemlich verrückt. Wir hoffen, dass ein Schwerkranker von seinen Leiden erlöst wird oder, dass ein verbrauchtes Leben sein ruhevolles Ende findet. Das sind die einzigen Momente in denen wir Menschen dem Tod etwas Positives abgewinnen können.

 

Dabei sind es doch Leben und Tod, die so unentwirrbar miteinander verbunden sind. Das Eine gäbe es ohne das Andere nicht. Ein perfekter Kreislauf, der sich nicht verbessern lässt. Und doch feiern wir das Leben und fürchten den Tod.


 

Je älter ich werde, desto mehr versuche ich ein wenig Bekanntschaft mit dem Sensenmann zu machen. Ich lasse mich nicht gern überraschen. Ich weiß nicht, aber ich glaube, ich kann ihm noch einige positive Seiten mehr abgewinnen. Da ist zum Beispiel dieser Spitzname Sensenmann. Wieso eigentlich? Na klar, er macht keine Unterschiede. Egal ob groß, klein, arm, reich, krank, gesund, freundlich oder abweisend. Er holt uns alle, ausnahmslos. Ihm ist völlig egal wer wir sind und wie wichtig oder unwichtig wir uns auch fühlen. Es macht keinen Unterschied für ihn. Das Leben und die Menschen sind da bei weitem nicht so neutral und fair.

 

Letztendlich läuft es darauf hinaus, dass nur eines im Leben gewiss ist: Der Tod. Früher oder später werden wir ihm gegenüber stehen. Wir können nur hoffen, dass die Begegnung kurz und schmerzlos ist. Doch auch das können wir uns nicht aussuchen. Wir müssen mit dem Tod leben, so kurios sich das auch anhören mag. Er gehört dazu und lässt sich einfach nicht aus dem kompletten Bild entfernen. Daran werden auch die Scharlatane nichts ändern, die uns den Tod als Krankheit verkaufen wollen und deren Pülverchen und Tabletten uns ein ewiges, und wenn schon das nicht, dann wenigstens ein sehr langes Leben versprechen. Das ist nichts anderes, als ein Geschäft mit unserer Angst.

 

Wir können aufrecht und gelassen dem Ende entgegen gehen. Denn: Sterben ist nicht schlimm. Nicht gelebt zu haben hingegen schon…


    

Thomas Knackstedt

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

01105209