Schreiben und Lesen...

        

... das gehört zusammen wie gutes Training und ein schneller Wettkampf. Es muss aber nicht immer mit Laufen zu tun haben. Hier bekommt ihr jeweils eine Story angeboten, die sich ums Laufen dreht, oder auch nicht.




Fixie auf Eis.


Der Tag war lang und die Nacht ist eiskalt. Als ich am Morgen, kurz nach sechs Uhr, die ersten Pedalumdrehungen auf dem Fixie trete, ahne ich nicht, dass ich erst am nächsten Morgen um drei Uhr wieder zu Hause sein werde. Es ist kühl und es regnet heftig. Da die Temperaturen noch im Plusbereich sind, habe ich das Fixie gesattelt. Kein Fahrrad bekommt man schneller gereinigt, als mein kleines gangschaltungsloses Muli. Ich werde klatschnass auf der Anfahrt und genieße die warme Dusche wie ein wertvolles Geschenk.

 

Danach ist ein normaler Polizei-Arbeitstag mit einer nicht vorhergesehenen Bonuseinheit abzuleisten. Am Nachmittag erhalten wir einen Tipp über einen größeren Drogendeal und am Abend schlagen wir tatsächlich zu. Festnahmen von Tätern, Durchsuchungen, Beschlagnahme von Drogen, all das zieht sich bis um zwei Uhr Morgens. Draußen regnet es nicht mehr, aber das Thermometer ist auf minus zwei Grad gefallen. Die vormals regennassen Straßen haben sich teilweise in eisglatte, gefährliche Rutschbahnen verwandelt. Okay, man könnte sich jetzt von den Kollegen nach Hause fahren lassen, aber mal ehrlich: Nach so einem Stresstag schwirrt mir der Kopf derart, dass er geradezu nach einer Sauerstoffdusche schreit. Ich will raus, an die Luft, egal ob es glatt ist oder nicht.

 

Zusammen mit meinem Kollegen Mario, der auch mit dem Rad da ist, mache ich mich auf den Weg. Das Befahren der Radwege können wir vergessen. Da kann man zwar Schlittschuh laufen, mehr aber auch nicht. Wenigstens sind die großen Straßen gestreut und wir kommen gut voran. Andere Fahrzeuge gibt es zu dieser Zeit nicht, so dass wir uns die breite Landstraße teilen können. Ein schönes Gefühl. Nach drei Kilometern müssen wir allerdings auf eine Nebenstraße und die schillert wie ein diamantbesetztes Collier. Mein Fixie hat weder eine Gangschaltung noch eine Profilrille auf den Reifen. Bei Marios Schönwetter-Tourenrad sieht es nur ein bisschen besser aus. Jetzt heißt es Balance halten, Schrittgeschwindigkeit fahren und bloß nicht groß am Lenker rumalbern. Das Rollen der Reifen ist nicht mehr zu hören. Ein sicheres Zeichen, dass es sehr, sehr glatt ist. Wir sind vorsichtig, langsam, aufmerksam und gut mit Adrenalin geflutet. Ich kann mir nicht helfen, ich liebe solche Situationen, ganz weit weg von der Normalität.

 

Wir schaffen die Straße ohne Sturz und gelangen wieder auf eine Landstraße, auf der ein Streuwagen schon seine Arbeit geleistet hat. Puh, das war anstrengend schön. Mario ist jetzt zu Hause. Wir verabschieden uns und ich nehme die letzen sieben Kilometer in Angriff. Auch hier ist der Radweg unbefahrbar. Ich kurbele auf der Straße und bin dabei so einsam wie Major Tom in den unendlichen Weiten des Alls.

 

In der nächsten kleinen Ortschaft beginnt es zu schneien. Ein eisig scharfer Wind nimmt mich dabei von vorn ins Visier. Das kann lustig werden. Wenigstens ist das jetzt weiße Band der Straße gut zu sehen. Ich senke den Kopf und konzentriere mich voll und ganz auf jede Umdrehung der Antriebskurbel. Die Übersetzung des Fixies sorgt dafür, dass meinen Oberschenkeln ihre gesamte Kraft abverlangt wird. Trotzdem scheine ich auf der schneebedeckten Straße fast zu stehen. Mein Kopf ist nicht mehr weit entfernt von der Lenkstange. Jeder Blick nach vorn wird mit einem Bombardement von eisigen Flocken bestraft. Das fühlt sich echt mies an, ist aber auch ein starker Beweis, dass ich am Leben bin.

 

Nach über acht Kilometern kommt mir das erste Fahrzeug entgegen. Ich radele mitten auf der Bundesstraße, ohne dass irgendjemand sonst das mitbekommt. Ich biege in die Hauptstraße meines Heimatortes ein und befasse mich gedanklich das erste Mal damit, gleich zuhause zu sein. Der Schneefall hat jetzt nachgelassen und ich komme gut voran. Jetzt bloß nicht auf den letzten Metern noch auf der Nase landen.

 


Als ich das Holztor zum Hof öffne, geht drinnen Arkadi los, als würde ein Höllenhund von der Leine gelassen. Was ist denn mit dem los? Wird der ansonsten so ruhige Mischlingsrüde jetzt erwachsen? Er geht weder zur Tür, wenn es klingelt, noch macht er Alarm, wenn wir tagsüber im Gebäude umherhuschen. Doch jetzt, um kurz vor drei Uhr, gehört dieses Geräusch nicht in den Karteikasten seiner akzeptablen Wahrnehmungen. Während ich das Fahrrad in den Stall stelle und ins Haus gehe, hört der Hund nicht zu bellen auf. Gut macht er das. Irgendwie ist das schließlich sein Job.

 

Im Haus versenke ich die Hände in Arkadis weichem Fell und pelle mich anschließend im Keller aus meinen Klamotten. In der Küche schenke ich mir noch ein Glas Wein ein, schneide ein großes Stück Käse in zwei Hälften und genehmige mir zusammen mit Arkadi, vor dem noch warmen Ofen, den Snack. Alle Anspannung fällt von mir ab. Die „Fixie auf Eis Tour“ hat ein gutes Ende gefunden. Gleich werde ich zur Liebe meines Lebens ins Bett kriechen und die eiskalte Nacht muss draußen bleiben…



Thomas Knackstedt



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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